Der Weg zur „Zuchtstute“

Wie schon so oft erwähnt, sollte man seine Energie bei dem Projekt „Zucht“ nicht allein für die Auswahl des Hengstes einsetzen. Stattdessen spielt die Auswahl der Stute, die Selektion des eigenen Stutenstammes und die gezielte Anpaarung von Stute & Hengst eine ebenso wichtige Rolle. Während die Qualität der Hengste über die Körung, die Hengstleistungsprüfungen und Sporttests als Voraussetzung für die vollständige Hengstanerkennung abgesichert werden, setzt das Dasein als „Zuchtstute“ keine umfassende Qualitätsüberprüfung voraus. Im Grunde kann mit jeder Stute gezüchtet werden. Es wird weder eine Stutenleistungsprüfung verlangt, noch sind Eigenleistungen im Sport erforderlich, einzig die Eintragung ins Zuchtbuch muss erfolgen. Problem: Auf lange Sicht nützt es natürlich nichts, wenn die väterliche Seite kontinuierlich optimiert wird und die mütterliche Seite qualitativ auf der Strecke bleibt. Zwar wird bei der Eintragung, bei der die Stuten an der Hand vorgestellt werden, eine Bewertung des Exterieurs, des Gangwerks und der Abstammung vorgenommen, tatsächlich müssen aber wirklich gravierende Mängel vorliegen, damit die Eintragung nicht erfolgt. Ein Röntgen erfolgt anders als bei den Deckhengsten nicht, ebenso ist auch keine Beurteilung unter dem Sattel als Reitpferd erforderlich. Ihr seht: Als Züchter ist man bei der Auswahl der Stuten sehr frei, was aber zwangsläufig natürlich auch zu einer großen Portion Verantwortung führt.

Dennoch: Auch wenn es kein Regelwerk vorschreibt, so werden dem Züchter Möglichkeiten eröffnet, die Qualität der Stute hinsichtlich der Eignung als Reitpferd und ihrer Vererbung zu überprüfen, um der Zucht bestmöglich zum Fortschritt verhelfen zu können. Die Züchter können vererbbare Veränderungen mittels TÜV ausschließen, sie haben es in der Hand krankheits- und verletzungstechnisch anfällige Stuten nicht einzusetzen bzw. aus der Zucht zu nehmen und schlussendlich eine Qualitätsüberprüfung mittels der Stutenleistungsprüfungen oder der Teilnahme am Turniersport durchzuführen.

Die Eintragung ins Stutbuch

Beginnen wir mit der einzigen Voraussetzung, dessen Erfüllung erforderlich ist, um seine Stute als anerkannte „Zuchtstute“ bezeichnen zu dürfen: Die Stutbucheintragung beim Verband. Um als Stute beim Verband eingetragen zu werden, bedarf es der Aufnahme ins Zuchtbuch. Im Regelfall gliedert sich das Zuchtbuch eines Verbandes in drei Abteilungen: Hauptstutbuch, Stutbuch und Vorbuch. Vorstellen kann man die Stuten bei den separat ausgewiesenen Terminen zur Stutbuchaufnahme oder bei den Stutenschauen. Die Möglichkeit der Eintragung im Rahmen einer Fohlenschau ist nicht vorgesehen. Die Stuten werden zunächst an der Hand auf der Dreiecksbahn in den Gangarten Schritt & Trab präsentiert. Bei einigen Verbänden wird zudem eine Vorstellung im Freilaufen durchgeführt. Im Anschluss erfolgt die Aufstellung, damit die Richter die Exterieurbewertung vornehmen können. Nach der Präsentation werden die Stuten noch einmal in Kleingruppen im Schrittring präsentiert. Dort erfolgt zum einen die Verkündung, ob und in welcher Abteilung die Stute eingetragen wird, zum anderen werden etwaige Prämierungen verkündet. Die einzelnen Noten, welche sowohl die Grundlage für die erfolgte Zuordnung in einer der Abteilungen als auch für die ausgesprochenen Prämienanwartschaften sind, werden in der Regel nicht laut verkündet. Stattdessen können sie im Anschluss von dem jeweiligen Aussteller in der Meldestelle eingesehen werden.

Bewertet wird der Körperbau, das Pedigree, die Bewegungen sowie der Gesamteindruck. Welche Noten und wie viele nachgewiesene Generationen mit anerkannter Abstammung die Stuten vorweisen müssen, um in die jeweiligen Abteilungen aufgenommen zu werden, könnt ihr auf den Internetseiten der Verbände nachlesen. Zur Veranschaulichung hier einmal die Voraussetzungen am Beispiel des Hannoveraner Verbandes:

Hauptstutbuch

  • Nachweis von vier Generationen anerkannter Abstammung
  • Eintragung der Mutterstute ins Hauptstutbuch oder Stutbuch
  • Mindestens 6,0 in der Gesamtbewertung von Exterieur und Bewegung
  • Keine Note unter 5,0 in den sechs Teilkriterien, aus denen sich die Gesamtbewertung zusammensetzt
  • Bei Stuten aus anderen Verbänden (nicht Hannover, nicht Hessen, nicht Rheinland) muss die Gesamtbewertung von Exterieur und Bewegung mindestens eine 7,0 erreichen

Stutbuch

  • Nachweis von drei Generationen anerkannter Abstammung
  • Eintragung der Mutterstute ins Hauptstutbuch, Stutbuch oder Vorbuch
  • Gesamtbewertung mindestens 5,0
  • In jedem der Teilnoten mindestens 4 Punkte

Vorbuch

  • Abstammungsnachweis/ Geburtsbescheinigung vom Hannoveraner Verband oder dem Rheinischen Pferdestammbuch
  • Gesamtbewertung von mindestens 5,0
  • In jedem der Teilnoten mindestens 4 Punkte

Das Vorbuch setzt die geringsten Anforderungen voraus. Sollte die Stute diese Kriterien nicht erfüllen, wird sie in dem Verband nicht als Zuchtstute eingetragen. Die Eintragung kann ab dem dritten Lebensjahr erfolgen, spätestens vorliegen muss sie in dem Jahr der Geburt des ersten Fohlens. Es ist also kein Problem, die Eintragung der Stute mit Fohlen bei Fuß vornehmen zu lassen. 

Die Stutenleistungsprüfung

Weiter geht es mir der Stutenleistungsprüfung. Wie bereits oben angedeutet stehen dem Züchter verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, die Qualität der eigenen Stute zu überprüfen und die Nachzucht durch Eigenleistungen der Mutterstute aufzuwerten. Neben der Vorstellung im Sport gibt es eine Stutenleistungsprüfung, welche speziell auf zukünftige Zuchtstuten zugeschnitten ist und mehrmals im Jahr angeboten wird. Unterschieden wird zwischen einer Feld- und einer Stationsprüfung. Während die Feldprüfung an einem Tag stattfindet, erfolgt die Stationsprüfung über einem Zeitraum von vier Wochen. Die Feldprüfung gliedert sich in drei Tagespunkte: Zunächst werden die Stuten in einer Freispringreihe hinsichtlich Vermögen & Manier bewertet. Im Anschluss erfolgt die Beurteilung als Reitpferd, bei der sie zunächst vom gewohnten Reiter vorgestellt und im Anschluss noch einmal von einem Fremdreiter auf ihre Rittigkeit hin überprüft werden. Bei der Stationsprüfung stallen die Stuten vier Wochen auf der Station ein. Sinn und Zweck des längeren Zeitraumes ist es, sowohl die Lernfähigkeit und Entwicklung beurteilen zu können als auch einen Eindruck vom Interieur/ dem Charakter der Stute zu bekommen. Absolviert werden kann die Prüfung von Stuten jeden Alters, einzig für mögliche Prämierungen ist eine Vorstellung in einem vorgegebenen Altersrahmen erforderlich. Zu beachten ist, dass die Verbände auch diesbezüglich voneinander abweichende Regelungen getroffen haben. Möchte man seine Stute also zwecks Umwandlung der Prämienanwartschaft zur Prämie bei der SLP anmelden, sollte man sich vorab noch einmal bei dem jeweiligen Verband erkundigen, bis zu welchem Alter dies möglich ist. Sollte die Stute noch nicht im Zuchtbuch eingetragen sein, ist es zudem möglich, die Aufnahme im Rahmen der SLP durchzuführen. Die Termine für die kommenden Stutenleistungsprüfungen sowie die dafür veranschlagten Gebühren findet ihr auf den Internetseiten der jeweiligen Verbände.

Prämien

Nun habe ich es bereits mehrfach angesprochen: Im Rahmen der Stutbucheintragung kann eine Stute im Alter von drei und vier Jahren eine Verbands- oder Bezirksprämienanwartschaft verliehen bekommen. Bei der Prämienanwartschaft handelt es sich um eine Auszeichnung für besonders qualitativ hochwertige Zuchtstuten und stellt eine Art Gütesiegel für die jeweilige Stute dar. Unter welchen Bedingungen eine Anwartschaft vergeben wird und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit sich die Anwartschaft in eine vollwertige Prämie umwandelt, wird von den Verbänden ebenfalls unterschiedlich geregelt. Hier einmal erneut das Beispiel des Hannoveraner Verbandes, welches den Titel „Hannoveraner Prämienstute“ unter folgenden Voraussetzungen vergibt:

  • Eintragung der Stute ins Hauptbuch
  • Verleihung der Prämienanwartschaft der Stute
  • Eintragung der Mutterstute ins Hauptbuch
  • Absolvierung einer Stutenleistungsprüfung im Alter von drei oder vier Jahren. In Ausnahmefällen kann bis zum 31.12. beantragt werden, dass die zeitliche Begrenzung bis zum 01.04. des Jahres, in dem die Stute fünfjährig wird, erhöht wird.
  • Erforderliche Ergebnisse der Stutenleistungsprüfung:
    Beidseitig veranlagte Stuten: Mindestnote bzgl. Grundgangarten, Rittigkeit und Freispringen von 7,0
    Dressurbetonte Stuten: Mindestens eine Durchschnittsnote von 7,25 für die Grundgangarten und die Rittigkeit sowie mindestens eine 5,0 fürs Freispringen
    Springbetonte Stuten: Mindestens eine 6,0 für die Grundgangarten sowie mindestens eine Durchschnittsnote von 7,25 bzgl. Rittigkeit und Freispringen.
    Falls die Noten diesen Anforderungen nicht entsprechen, kann die SLP bis zum 01.04. des Jahres, in dem die Stute fünfjährig wird, einmalig nachgeholt werden.
  • Vorlage eines Attests vom Verbandstierarzt im Jahr des Erwerbs der Anwartschaft, welches bestätigt, dass die Stute kein Kehlkopfpfeifen aufweist.
  • Geburt eines lebend geborenen Fohlens, dessen Vater im Hengstbuch I oder Ib eingetragen ist. Zudem muss das Fohlen hannoversch registriert werden.

Liegen diese Voraussetzungen vor, wird die Prämienanwartschaft in die Bezeichnung „Hannoveraner Prämienstute“ umgewandelt. Wichtig ist auch hier wieder der Hinweis, dass die Anforderungen von Verband zu Verband variieren: Wenn ihr eure Stute also ins Stutbuch eingetragen habt und eine Anwartschaft erringen konntet, solltet ihr euch genau informieren, welche Schritte in welcher Frist nötig sind, um die Prämie zu bekommen.

Leistungsstute

Eine weitere Bezeichnung, welche die Qualität der jeweiligen Stute betont, ist der Begriff „Leistungsstute“. Vorab: Auch hier fordern die Verbände unterschiedliche Voraussetzungen, sodass ich mich weiterhin an dem Beispiel des Hannoveraner Verbandes orientiere. Unter einer Leistungsstute ist eine eingetragene Zuchtstute zu verstehen, welche im Sport überdurchschnittliche Leistungen erbracht und somit ihre Qualität als Zuchtstute durch eine hohe Eigenleistung untermauert hat. Der Hannoveraner Verband fordert für den Titel der Leistungsstute folgende Erfolge:

  • Mindestens fünf Platzierungen in Spring- und Dressurprüfungen der Klasse M** und höher an erster bis dritter Stelle
    ODER
    in einer Vielseitigskeitsprüfung der Klasse M eine Platzierung an erster bis fünfter Stelle sowie zwei weitere Platzierungen
  • Schriftlicher Antrag des Stutenbesitzers
  • Registrierung eines lebend geborenen Fohlens aus der Stute beim Hannoveraner Verband

Ihr seht: Es gibt Möglichkeiten, die Stute durch Turniervorstellungen oder im Rahmen der Stutenleistungsprüfung auf ihre Qualität hin untersuchen zu lassen. Auch liegt es in der Hand des Züchters, einen TÜV durchzuführen, bevor er die jeweilige Stute in der heimischen Zucht einsetzt. Dennoch: Es sind lediglich Möglichkeiten, bei weitem jedoch keine notwendigen Bedingungen. Im Vergleich zu den Voraussetzungen, die ein Hengst zu erfüllen hat, um als Deckhengst vollständig vom Verband anerkannt zu werden, sind die Anforderungen an eine Zuchtstute erschreckend gering. Es erfolgt weder ein umfassender Gesundheitscheck, noch benötigen die Stuten irgendeine Form von Eigenleistung, um als Zuchtstute eingetragen zu werden. Stattdessen kommt es nicht selten vor, dass ein Züchter seine Nachzucht – sobald sie das dafür erforderliche Alter erreicht hat – in der Zucht einsetzt, ohne dass diese jemals eingeritten, geschweige denn unter dem Sattel gearbeitet wurde. Ich gebe zu, dass ich diese Herangehensweise äußerst fraglich finde. Dass es nicht jedem Züchter möglich ist, die Stuten zunächst drei bis vier Jahre in Ausbildung zu geben, um zu überprüfen, inwieweit sie für den hohen Sport geeignet sind, steht außer Frage. Das sind Kosten, die möglicherweise mit einem anschließenden Verkauf der Stute gedeckt werden, nicht jedoch mit dem anschließenden Einsatz der Stute in der Zucht. Der Umstand, dass mit Stuten gezüchtet wird, die noch nie geritten wurden, stößt bei mir jedoch tatsächlich auf arge Bedenken. Wie möchte man denn als Züchter eine geeignete Anpaarung auswählen, um die jeweiligen Schwächen der Stute und des Hengstes auszugleichen, wenn man keinerlei Idee davon hat, wie die Stute zu reiten ist? Tatsächlich würde es an dieser Stelle zu weit führen, wenn ich dieses Thema umfassend aufgreife. Vielleicht ist es mir dennoch gelungen, ein klein wenig den Blick dafür zu schärfen, beim Einsatz einer Stute als Zuchtstute akribischer vorzugehen und sich nicht allein auf die errungene Eintragung zu verlassen. Ansonsten freue ich mich, wenn ihr einen kleinen Überblick davon bekommen konntet, welche Anforderungen eure Stute erfüllen muss, um eingetragene Zuchtstute zu werden und welche Möglichkeiten es gibt, die Qualität der Stute zu überprüfen und die eigene Nachzucht aufzuwerten.

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Foto: Nadine Priester | NP-Fotografie

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