Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Die Fohlensaison 2019 ist eröffnet!

Es ist Anfang März und die ersten Fohlen haben bereits – Gott sei dank – gesund und munter das Licht der Welt erblickt. Den Anfang hat der kleine Caspian gemacht: Ein wunderschönes Hengstfohlen von Comme il faut aus einer Coriano-Mutterstute, welche bei uns zur Betreuung als Zuchtstute eingestallt wurden ist. Caspian sorgte gewissermaßen schon im Sommer für besondere Aufmerksamkeit: Anders als es üblich ist, sprengte Zuchtstute Wonne im Hinblick auf ihren Bauchumfang sämtliche Rekorde, sodass wir uns kurzzeitig wirklich Sorgen machten, dass es sich möglicherweise doch um eine Zwillingsgeburt handeln könnte. Anders als bei den Menschen birgt eine Zwillingsgeburt bei einem Pferd ein sehr, sehr hohes Risiko, weshalb man sich mittlerweile den technischen Fortschritt zu nutzen macht, um die Stuten am 26. Tag ihrer Trächtigkeit auf eine mögliche Zwillingsträchtigkeit hin zu untersuchen und gegebenenfalls einen Zwilling zu entfernen. Auch bei Wonne wurde der Zwillingsausschluss am besagten Trächtigkeitstag durchgeführt, dennoch schlich sich ein leicht mulmiges Gefühl ein, als der Bauch wuchs und wuchs. Abgesehen von diesem kleinen Schrecken, den mir Wonne mit ihrem Bauch eingejagt hat, verlief die Trächtigkeit Gott sei dank vollkommen unproblematisch und ohne Komplikationen. Rechtzeitig vor der Geburt war es dann so weit und die Stuten bezogen ihre Abfohlboxen. Einige Kameratestläufe später – die Zeit vergeht wirklich wie im Flug –  fanden wir uns auch schon wieder Mitten drinnen in der Geburtenüberwachung: Statt irgendwelchen Serien lief nun „Mutti-TV“ in Dauerschleife und statt abends direkt vom Sofa ins Bettchen zu wandern, wurden die Kontrollgänge zu den Abfohlboxen als wesentlicher Bestandteil in den Alltag mit eingebaut. Die Kombination aus Muttitv und nächtlichen Kontrollgängen hat bei mir immer eine außerordentlich nervenaufreibende Wirkung. Kaum geht die Geburtenphase los, beginne ich wie ein Hamster im Laufrad um die Stuten zu pirschen und mein Herz schlägt Purzelbäume. Insgeheim hoffe ich, dass sich meine innere Anspannung irgendwann nochmal etwas in Routine wandelt, anderenfalls streikt mein Herz vermutlich sonst, wenn ich mich weiter mit der Pferdezucht beschäftigen möchte. Warum ich angespannt bin? Das hat einen ganz einfachen Grund: In den vergangenen Jahren, in denen ich mich rundum die Uhr mit der Zucht auseinander gesetzt habe, ist mir eines ganz deutlich bewusst geworden: Das Glück kann mit einem sein, ebenso kann man aber auch ganz schnell, ehe man sich versieht vom Unglück eingeholt werden. Anders als es so viele immer meinen, geht eine Geburt nicht immer reibungslos von statten, nur weil die Stuten es „früher in der freien Laufbahn auch alleine schaffen mussten“. Stattdessen sind es bereits die kleinen Komplikationen, die großen Schaden anrichten können, wenn man sie nicht bemerkt. Erkennt man sie hingegen rechtzeitig, ist es häufig nur ein kleiner Handgriff dessen es bedarf, um der Stute und dem Fohlen zu helfen. Sei es die Eihaut, die während der Geburt nicht aufgeht und dazu führt, dass das Fohlen erstickt; ein etwas quer stehendes Gelenk des Fohlens, wodurch es der Stute nicht möglich ist, das Fohlen aus eigener Kraft zu gebären oder ein falsch getrennter Nabel, der ohne den Eingriff durch den Menschen zur Verblutung führen kann: Die Komplikationen sind so vielschichtig, dass man diesbezüglich wohl nie auslernen wird. Das ist der Grund für meine/ unsere Anspannung. Man hat die Stute nicht besamen lassen, Verantwortung für sie und ihr ungeborenes Fohlen übernommen, 365 Tage Zeit, Kraft, Mühe und auch Geld in das Wohl der Stute investiert, um dann im entscheidenden Moment unachtsam und selig zu schlafen, während Stute und Fohlen Hilfe benötigen. Auch wenn man nie jegliches Unglück verhindern kann, so ist es selbstverständlich, dass man sein Bestes gibt: Deshalb die Anspannung, deshalb das Hamster im Laufrad und deshalb die Lawine, wenn  Mutterstute und Fohlen nach der Geburt wohlauf sind und einem zig Steine vom Herzen fallen.

Nun aber zurück zum Thema: Wonne und Cherry Lady sollten im Abstand von einer Woche fohlen und sie hielten sich sehr genau an die von uns errechneten Geburtstermine. Die Kameras waren installiert, die Helfer einsatzbereit und die Chefs nächtelang am Wachen und Kontrollieren. Kurz: Die Fohlensaison 2019 hatte begonnen. Nahezu lehrbuchhaft verhielten sich die beiden Stuten mit Blick auf die bekannten und bewährten Geburtenanzeichen. Das Gesäuge füllte sich, die Zitzen stellten sich auf, die Beckenbänder dehnten sich, der Bauch senkte sich herab, Harztropfen erschienen und schlussendlich zeigten sich die ersten Milchtropfen: Nun stand fest: Die nächsten 48h wird das erste Fohlen geboren werden. Drei Nächte mit rundum Betreuung von Wonne hatten wir bereits hinter uns: Wüsste man vorher, dass die Stute erst fohlt, wenn die Milch einschießt, wäre das Ganze natürlich um einiges einfacher. Da es aber durchaus Stuten gibt, die sich nicht an das altbewährte Lehrbuch halten, lässt man es natürlich nicht drauf ankommen und läutet bereits bei den übrigen Anzeichen die „heiße Phase ein“. Drei Nächte lagen also bereits hinter uns, etwas müde bewältigten wir den Alltag, in der sicheren Annahme, die kommende Nacht das Fohlen auf der Welt begrüßen zu dürfen. Nun ja: Diese Rechnung haben wir ohne Wonne gemacht. In der Nacht fohlen, so wie es 90% der anderen Stuten machen? Das kann doch jeder. Nachdem Wonne sich im Verlaufe der Trächtigkeit eins zu eins an das Schema F hielt, machte sie uns mal wieder mehr als deutlich, dass man beobachten, planen und rechnen kann so viel man will: Letztlich sind es die Fohlen, die die Geburt einläuten und die Stuten, die die Stunde bestimmen. Während der Samstagnachmittag also seinen Lauf nahm, eine Schar voller Enkelkinder mit den Ponies Fritzchen und Coconut den Hof unsicher machten, diverse Einstaller ihrer Freizeitbeschäftigung nachgingen und der Hamster kurz aus seinem Stutenüberwachungs-Laufrad ausstieg, um sich vier Dörfer weiter auf die anstehende Nacht vorzubereiten, entschloss sich die rollende Tonne Wonne, dass es nun Zeit sei, den kleinen Caspian auf die Welt zu bringen. Ob es die fünfzehn Kinder waren, die Wonne dazu brachten, nun auf der Stelle auch ein Baby haben zu wollen oder ob der Blick in den Spiegel für Empörung sorgte, als sie eine Stunde vorher noch zum Spaziergang in der Halle war: Wir wissen es nicht. Fakt ist, dass Wonne Samstags um 16:00 Uhr, am helligten Tage ihr Fohlen zur Welt brachte und für viele leuchtende Kinderaugen gesorgt hat. Was lernen wir daraus? Langweilig wird es nie. Ab jetzt brauchen wir scheinbar nicht mehr nur eine Nachtwache, sondern müssen ins Zwei-Schicht-System wechseln. Fürs Hamsterlein bedeutet es, dass in der heißen Phase nun kein Fuß mehr vom Hof gesetzt wird – komme was wolle.

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Züchter: Harriet Charlotte Jensen

Seit ein paar Tagen hat nun auch das zweite Fohlen das Licht der Welt erblickt. Geboren wurde ein wunderbares, aufgewecktes und sportliches Hengstfohlen von Cornet Obolensky aus einer Clinton I*Quite Capitol-Mutterstute, welches uns bereits nach wenigen Minuten vollends verzaubert hat. Das Licht der Welt erblickt hat er um 19 Uhr, als die gesamte Familie sich bereits aufgemacht hatte, um – selbstverständlich mit zahlreichen kleinen Mutti-TVs auf dem Handy – ausgiebig Karneval im Heimatdorf zu feiern. Eine gute Gelegenheit, um die Party zu sprengen, hat sich Cherry Lady wohl gedacht. Besonders mit Blick auf die letzten Jahre, in denen wir jedes Jahr Karneval den Büttenabend mit der hochtragenden Cherry Lady auf dem Handybildschirm verbrachten, war es ein absolutes Highlight, dass es nach den zahlreichen vergangenen Büttenabenden ohne Fohlen nun doch ein „richtiges“ Karnevalsfohlen geben würde. Cornevall hatte also das große Privileg, von Schneemännern auf die Welt geholt und von Hexen, Bierfässern auf Beinen und Hippies herzlich Willkommen geheißen zu werden – auch definitiv ein Eintrag ins Tagebuch wert. Dass ich Karnevalsmuffel irgendwann in meinem Leben mal mit einem Hexenhut und einer schwarzen Federgirlande um den Hals neben einem neugeborenen Fohlen im Stroh hocken würde, um es zum Trinken zu motivieren, hätte ich um ehrlich zu sein auch nicht vermutet. Wie sagt man so schön: Es kommt erstens anders und zweitens als man denkt.

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Züchter: Marius Rittstieg

Die ersten zwei großen Steine sind uns also bereits vom Herzen gefallen und während wir uns täglich an den stolzen Mutterstuten mit ihren flinken, wundervollen Fohlen erfreuen, drücken wir bereits wieder die Daumen für die weitere Fohlensaison. Es gibt wirklich kein größeres Geschenk, als Mutterstute und Fohlen wohlauf zu wissen und wir sind unendlich dankbar für dieses große Glück. Das war er also: Unser Start in die diesjährige Fohlensaison. Ich bin gespannt, was sich die anderen Damen noch so einfallen lassen – um die obligatorische Überraschung scheinen wir in diesem Jahr nicht so richtig drumherum zu kommen. Kleiner Funfact: Kurz nach der Geburt von Cornevall habe ich geträumt, dass Bella Mia mitten auf unserer täglichen Kugelbauchschuckelrunde ihr Fohlen zur Welt bringt und ich inmitten von Bastis liebevoll eingesätem Getreide zur Geburtshelferin fungiere. Was mir dieser Traum wohl sagen wollte?

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