Verkauft – und was dann? | Interview mit Chrissi von „fuerstentanz“

Die Zuchtstätte, bei der ein Fohlen das Licht der Welt erblickt, ist das erste Zuhause, welches ein Fohlen in seinem Leben haben wird. Meist dauert es nur wenige Tage, bis das Fohlen die anfangs ungewohnte Umgebung als den Ort der Sicherheit und des Wohlbefindens abgespeichert hat. Es ist ihre Heimat, in der sie die ersten so wichtigen Erfahrungen sammeln, ihren Charakter nach und nach, Stück für Stück formen und sich letztlich von einem zierlichen Fohlen zu einem kräftigen Jährling mausern. Dieser Lebensabschnitt, über dessen Ablauf ich euch die letzten Monate versucht habe ausführlich zu berichten, ist jedoch meist nicht von allzu langer Dauer. Wie schon öfters erwähnt sind viele private Züchterfamilien aus finanziellen und logistischen Gründen dazu gezwungen, einen Teil ihrer Nachwuchssportler bereits im Fohlenalter zu vermarkten. Aber auch diejenigen Pferde, welche noch etwas länger in den Genuss ihrer Geburtsstätte kommen, treten meist drei- oder vierjährig, spätestens aber fünfjährig ihre Reise zu ihren neuen Eigentümern an. So schwer es einem Züchter auch fällt: Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man den ersten Lebensabschnitt der Youngster beendet, ihnen die Tore zur großen weiten Welt öffnet und sie in eine hoffnungsträchtige Zukunft entlässt. Immer mit dem Gedanken, dass ein Verkauf notwendig ist, um weiteren Fohlen eine so behutsame und liebevolle Aufzucht ermöglichen zu können, wie es die Fohlen zuvor erleben durften.

Doch was erwartet die Fohlen und Reitpferde in ihrem zweiten Lebensabschnitt? Wie geht es weiter, wenn sie die Obhut der heimischen Zuchtstätte verlassen, um an ihre neuen Eigentümer übermittelt zu werden? Ausführlich habe ich euch die letzten Monate über die ersten Lebensmonate der Fohlen berichtet. Heute nun ist es einmal an der Zeit, einen Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen und die Lebensphase zu beleuchten, welcher an den Verkauf eines Fohlens und/ oder Reitpferdes anschließt. Um euch die „Frage nach dem Danach“ so ausführlich und lebensnah wie möglich erläutern zu können, habe ich die liebe Chrissi von Fuerstentanz gebeten, uns heute einmal von ihrem Leben inmitten von jungen Nachwuchstalenten, Grand Prix-Pferden und Turniervorstellungen zu berichten. Chrissi und ihr Mann bilden seit mehreren Jahren erfolgreich Sportpferde vom rohen Dreijährigen bis hin zum Grand-Prix-Pferd aus, auch Fohlen haben sie sich bereits angekauft, um sie aufzuziehen und auszubilden. Salopp gesagt ist Chrissi das perfekte Beispiel dafür, was unsere Fohlen nach einem Verkauf erwartet. Denn letztlich sind es genau solche Ausbildungsbetriebe, Hengstaufzüchter oder Deckstationen, welche die Hauptkundschaft des Fohlen- und Jungpferdemarktes darstellen. Sie halten allesamt Ausschau nach jungen, vielversprechenden Talenten, um diese weiter aufzuziehen, auszubilden und schlussendlich an den Endverbraucher zu vermarkten. Ihr seht: Heute dreht sich in diesem Beitrag einmal ausnahmsweise alles rund um den zweiten Lebensabschnitt der Fohlen und Youngster.

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  1. Chrissi, bevor wir loslegen: Erzähl uns doch einmal kurz etwas über dich und deine beiden Hengste.
    Ich bin Chrissi, wohne mit meinem Mann zusammen im wunderschönen Hamburg, bin vor acht Jahren zugezogen und gekommen, um zu bleiben. Wir fühlen uns irre wohl in der Hansestadt und haben vor fünf Jahren einen wunderschönen Dressurstall gefunden, der für uns und unsere Pferde rundum perfekte Bedingungen bietet und in dem wir noch viele Jahre bleiben möchten. „Uns und unsere Pferde“ heißt meine zwei eigenen Pferde Dancer und Dreamy sowie das Pferd von meinem Mann, der Belli und Donni, der zwar nicht in unserem Besitz steht aber dennoch zu unserer Pferdefamilie gehört. Mein erstes eigenes Pferd, was ich je besessen habe ist Dancer.  Dancer, ein Fürstenball*De Niro-Nachkomme, heißt eigentlich Fürstentanz, ist acht Jahre alt und ich habe ihn mir im Studium gekauft, nachdem ich viele, viele Jahre darauf gespart und daran gearbeitet habe, mir diesen Traum erfüllen zu können. Er stammt von einem bekannten Oldenburger Züchter, von dem Frank bereits mehrfach Fohlen eingekauft hat. Nachdem ich ihn mir als Jährlingshengst gekauft habe, blieb er zur Aufzucht noch bei seinem Züchter, bis ich ihn dreijährig zu mir in den Stall holte. Bis dato durfte er das Leben auf der Wiese genießen. Das ist auch der Grund, warum Dancer nie zur Körung vorgestellt wurde: Meines Erachtens sollten junge Pferde ihr Leben auf der Wiese genießen, weshalb es Dancer genauso ergehen sollte. Dreijährig habe ich ihn dann zu mir geholt, um ihn schonend einzureiten und ihn langsam auf den Weg ins Viereck zu begleiten. Dancer hat bislang alle meine Erwartungen übertroffen. Natürlich habe ich mir ein Pferd gekauft, indem ich Potenzial gesehen habe und von dem ich mir erhofft habe, auch sportlich weiterzukommen. Natürlich habe ich auch davon geträumt, mit meinem ersten, eigenen Fohlen irgendwann S  zu reiten. Mir war und ist aber bewusst, dass zu so einem großen Traum auch immer eine Portion Glück gehört.  Umso glücklicher bin ich darüber, wie toll Dancer sich entwickelt hat. Er hat den Weg ins große Viereck geschafft: Vierjährig durfte er erste Turnierluft schnuppern, fünfjährig hat er A und L gewonnen, sechsjährig L gewonnen und M platziert, siebenjährig M* und M** gewonnen und S platziert, achtjährig ebenfalls S platziert. Mein großer Wunsch ist es, mit ihm neunjährig S** zu reiten und natürlich erhoffe ich mir, auch irgendwann die Königsklassen mit ihm bestreiten zu können. Piaffe und Passage hat er bereits in den Ansätzen sehr gut verstanden und ich bin mir sicher, dass er genügend Talent und Potenzial für diesen Traum mitbringt. Dancer ist 1,73m groß, braun und hat kaum Abzeichen: Optisch entspricht er meinem absoluten Ideal und ich habe mich von der ersten Sekunde an in ihn verliebt. Er ist ein sehr unkomplizierter Hengst, steht problemlos neben Wallachen und auch das Geschehen auf dem Turnier umgeben von Stuten ist stressfrei möglich. Wäre ein stressfreies Leben aufgrund seines Daseins als Hengst nicht möglich, so würde ich ihn sofort zu seinem Wohle kastrieren.
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    Je erwachsener Dancer wurde, desto mehr keimte in mir der Wunsch nach einem jungen Pferd. Ich liebe die Arbeit mit jungen Pferden und bin selbst als junges Mädchen mehrere Jahre Pferde für einen Züchter angeritten. Unbewusst habe ich die Arbeit mit den Jungspunden immer vermisst, sodass im November 2017 Dreamy in mein Leben getreten ist. Eigentlich war ich nicht auf der Suche nach einem Nachwuchspferd, doch der Funke war übergesprungen. So begann also im November 2017 die gemeinsame Geschichte von Dreamy, einem Finest*Weltmeyer-Nachkommen, und mir. Ich habe ihn zweijährig gekauft und relativ schnell zu mir geholt/ holen müssen, da die Haltung bei seinem Züchter als Hengst nicht mehr möglich war. Da er noch zu jung zum Arbeiten war, haben wir uns viele Monate erstmal ganz in Ruhe kennengelernt. Er entpuppte sich als ein genauso großer Streber wie der große Dancer und macht wirklich alles hervorragend, was man sich von ihm wünscht. Mit seinen 1,74m wird er wohl der Größte in unserer Pferdefamilie. Er ist ein aufgewecktes, junges Pferd, was überhaupt nicht guckig oder geräuschempfindlich ist. Stattdessen würde ich ihn aber als hochsensibel beschreiben und man darf ihm auf keinem Fall in irgendeiner erdenklichen Situation ungerecht kommen. 
  2. Zusammen mit deinem Mann kaufst du seit mehreren Jahren immer mal wieder junge Talente an, um diese bestmöglich auszubilden und anschließend an den Endverbraucher zu vermitteln. Ist das richtig?
    Das ist richtig. Als Profi bekommt man entweder wirklich tolle junge Pferde, die man ausbildet und auf Turnieren vorstellt oder man bekommt Pferde, die besonders schwierig sind oder den Weg als Korrekturpferd zu uns finden.  Fremde Pferde anreiten tun wir nur gelegentlich. Anders als andere Betriebe, welche sich explizit auf das Anreiten von Jungpferden spezialisiert haben, liegt Franks Schwerpunkt in der Förderung des Pferdes bis zur Klasse S und bis zum Grand Prix. Natürlich abhängig vom jeweiligen Potenzial des Pferdes. Meist bekommen wir also angerittene Pferde auf verschiedenem Niveau, welche dann zu Frank für die weitere Ausbildung kommen. Unabhängig davon, in welche Kategorie eines der Pferde fällt, gehen sie allesamt relativ „schnell“ wieder weg. Entweder sind sie gut und erfolgreich und werden auf Gebot verkauft oder das Pferd ist zur Korrektur beim Profi und geht zurück zu seinen Besitzern, sobald der Beritt Früchte getragen hat. Aus dieser Situation heraus ist die Idee entstanden, sich eigene Pferde zu kaufen bzw. für eigenen Nachwuchs zu sorgen. Nachwuchs, der einem auch ermöglicht, kontinuierlich mit dem Pferd zu wachsen, in den Sport zu kommen und eben auch im Sport mitzureiten ohne dass man auf die Kunden angewiesen ist. So hat Frank angefangen, jedes Jahr  ein Fohlen einzukaufen. Die Idee dahinter war, dass man schlussendlich in jeder Altersklasse ein Nachwuchspferd zum mitreiten hat. Gekauft haben wir sie allesamt bei den Züchtern unseres Vertrauens, bei denen sie auch erstmal zur weiteren Aufzucht blieben. Dreijährig haben wir sie dann zu uns in den Stall geholt, um sie an das Leben als Reitpferd zu gewöhnen.  Als ich 2010 dazu stieß, hatte Frank bereits den ersten Jahrgang groß gezogen. Touki und seine ein Jahr ältere Vollschwester waren damals vier Jahre alt und damit im Reitpferdealter.
    Die eigenen Pferde reiten wir immer selbst an. Hintergrund ist, dass wir sie natürlich roh gekauft haben, um sie so auszubilden, wie wir uns das vorstellen und ihnen genau den Start ins Reitpferdeleben zu ermöglichen, den wir für ideal halten. Unser Ziel, uns durch den Fohleneinkauf den eigenen Nachwuchs zu sichern, hat überwiegend sehr gut funktioniert. Natürlich muss man sagen, dass man bei einem Fohlen immer eine Wundertüte kauft. Dementsprechend kann es immer mal wieder auch dazu kommen, dass sich ein Fohlen nicht so entwickelt, wie man sich das vorgestellt hat und man es bereits nach einer soliden Ausbildung verkauft, auch wenn das natürlich nicht die ursprüngliche Intention war.  So hatten wir auch immer mal wieder Pferde dabei, die dann für den Verkauf bereitstanden. Wichtig ist uns dabei, dass wir ein Pferd nur abgeben, wenn uns die Bedingungen perfekt erscheinen. Egal um welches Pferd es sich handelt: Es wird nicht an den Erstbesten abgegeben. Der Großteil hat sich allerdings genauso entwickelt, wie erhofft. Diese Pferde bleiben bei uns, wir bilden sie weiter aus und stellen sie auf Turnieren vor mit dem Ziel, sie irgendwann fertig ausgebildet, auf S- oder Grand Prix-Niveau als Lehrmeister weiter zu verkaufen. Unser Touki beispielsweise hat von der Reitpferdeprüfung bis zum Grand Prix Spezial mit Frank alles gewonnen und war dadurch natürlich ein hocherfolgreiches, tolles Lehrpferd. Unsere Idee ist also, die Pferde, welche sich gut entwickelt haben, als eigenen Nachwuchs in den Sport zu bringen, um so auf Turnieren in allen Altersklassen neben unseren Berittpferden stetig mitreiten zu können und um sie dann später als Lehrpferd in ein wunderbares, passendes neues Zuhause zu vermitteln.
    Zu meinen beiden Pferden muss ich noch hinzufügen, dass sie tatsächlich außen vor sind und ich sie mir nicht ausgesucht habe, um sie später zu verkaufen. Dafür bin ich dann doch eher der Amateurreiter und nicht der rational denkende Profi: Sie machen mich glücklich, machen mir Spaß und sind dementsprechend nicht verkäuflich. Wobei ich fairerweise eine Ausnahme anführen muss: Hätte ich mich auf Dreamy nicht wohl gefühlt, hätte ich ihn angeritten und verkauft.
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  3. An wen wendet ihr euch primär, wenn ihr euch auf die Suche nach Nachwuchspferden macht?
    Wir kaufen unsere Fohlen immer direkt vom Züchter. Wir stehen in Kontakt mit einem Hannoveraner- und einem Oldenburgerzüchter, bei denen wir die letzten Jahre immer fündig geworden sind. Auktionen finde ich hochinteressant, weshalb ich sie regelmäßig verfolge und mir vor allem die Kataloge und Ergebnisse der zwei- und dreijährigen Pferde anschaue. Fohlenauktionen muss ich gestehen, schaue ich mir eher weniger an. Für mich ist es einfach reizvoller, einen Zwei- oder Dreijährigen zu kaufen, bei dem ich nicht mehr so lange warten muss, bis es mit der Ausbildung losgehen kann. Zudem habe ich das Gefühl, dass die Fohlenpreise auf Auktionen häufig deutlich über dem Durchschnitt liegen und man per Privatkauf direkt vom Züchter möglicherweise Fohlen findet, die man auf Auktionen nicht bezahlen könnte. Ich würde allerdings nicht ausschließen, dass sich ein Kauf über eine Auktion irgendwann nochmal ergibt, bislang war es jedoch noch nicht der Fall. Eine Pferdesuche über Facebookgruppen oder E-horses finde ich eher schwierig. Für gerittene Pferde, für die man im Freizeitbereich auf L- oder M-Niveau ein neues Zuhause sucht, ist das sicherlich eine gute Möglichkeit, Interessenten zu erreichen. Andersherum wird man bei der Suche nach einem derartigen Partner auch sicherlich fündig. Hinsichtlich junger, qualitativ hochwertiger Pferde habe ich allerdings das Gefühl, dass diese nicht auf den genannten Plattformen zu finden sind. Aus diesem Grund haben wir dort noch nie das gefunden, was wir suchen und um ehrlich zu sein schauen wir auch gar nicht mehr dort nach. 
  4. Hand aufs Herz: Wo kaufst du deine Youngster am Liebsten?
    Ausschließlich bei dem Züchter meines Vertrauens, von dem ich auch meinen Dreamy gekauft habe. Eine Adresse, die ich jedem empfehlen würde und wo ich jederzeit wieder hingehen würde. Ich habe mich dort von Anfang an extrem wohlgefühlt. Er war zu jeder Zeit super offen und ehrlich zu jedem Charakterzug und jedem Befund, was mein potenzielles Nachwuchspferd hatte. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es sich mit Dreamy exakt zu 100% so verhält, wie es sein Züchter gesagt hat. Unser eventuell nächstes Pferd wird sicherlich wieder von ihm sein. 
  5. Wo schaust du zuerst hin, wenn du Verkaufsanzeigen oder einen Auktionskatalog durchblätterst? Die Abstammung, das Alter, die Größe oder doch das Video?
    Das Video schaue ich immer zuletzt. Bevor ich mir die einzelnen Pferde genauer ansehe, verschaffe ich mir erstmal einen Überblick. Dabei spielt das Alter für mich eine wesentliche Rolle, da mich ein sieben- oder achtjähriges Pferd überhaupt nicht reizen würde. Als nächstes schaue ich auf die Größe: Bedingt durch Franks Körpergröße wäre ein Pferd mit einem Stockmaß von 1,62m unabhängig von dessen Qualität oder Charakter völlig ungeeignet für ihn, sodass diese Pferde von vornherein nicht in Frage kommen. Wenn ich mir ein Pferd suche, schaue ich ebenfalls mit als Erstes auf die Größe: Wenn man sich ein Pferd sucht, sucht man natürlich in erster Linie das, was einem 100% gefällt und für mich persönlich werden Pferde erst ab 1,70m wirklich interessant. Wenn das Alter und die Größe passen, schaue ich mir die Abstammungen genauer an. Natürlich gibt es Blut, was einem sehr anspricht oder was einen besonders interessiert. Bei mir ist das definitiv das Blut des Fürstenball. Neben Fürstenball mag ich zudem noch De Niro und Weltmeyer sehr gerne, Wolkenstein hingegen ist Blut, was ich so gar nicht mag. Bedingt durch die Vielzahl an Pferden, die wir bereits geritten sind, habe wir bereits viele Pferde mit verschiedenen Abstammungen unter dem Sattel gehabt, sodass wir uns hinsichtlich verschiedener Blutlinien recht häufig auf unsere eigenen Erfahrungen, unabhängig von gängigen Meinungen, verlassen können. Im Anschluss folgen die Videos, bei denen bei mir ganz viele Pferde rausfallen. Mir ist es beispielsweise vollkommen egal, wie hübsch das Köpfchen ist und wie süß es schaut. Stattdessen muss es mich in Bewegung ansprechen, weil wir natürlich auch Pferde suchen, in denen wir das sportliche Potenzial für Mehr sehen. Dementsprechend ist mir eine Ramsnase lieb, so lange sich das Pferd so bewegt, wie ich es mir wünsche. Kriterien wie Abzeichen, die Fellfarbe oder der Schick-Faktor stehen bei mir also ganz weit hinten an. 
  6. Thema Zuchtziel: Du reitest täglich die verschiedensten Pferde. Welche Eigenschaften (Interieur und Exterieur) sind dir bei einem Nachwuchspferd besonders wichtig?
    Das ist eine Frage, die wohl jeder ganz unterschiedlich beantworten wird. Dem einen liegt eine Gruppe von Pferd mehr, als dem anderen. Frank zum Beispiel bevorzugt einen ganz anderen Typ als ich. Während er sehr viel Wert auf eine große Portion Kribbel legt, ist mir das lockere Schwingen durch den Körper und die Durchlässigkeit wichtig. Für Frank als Profi sind kribbelige Pferde natürlich viel besser zu händeln, als es ein Amateur tun könnte. Aufgrund seiner feinfühligen Art erkennt er mögliche kritische Situationen bereits im Vorfeld und kann sie im Keim ersticken, bevor sie ausbrechen. Hinzukommt natürlich, dass man für den Grand-Prix auch eine gewisse Portion Kribbel benötigt: Hat man die Pferde auf seiner Seite, so geben sie immer ihr bestes und kämpfen mit einem gemeinsam um den Sieg. Für mich persönlich müssen die Pferde nicht kribbelig sein. Stattdessen lege ich unheimlich viel wert darauf, dass die Pferde locker durch den Körper schwingen und von Haus aus ausgeglichen und durchlässig ist. Mein Dancer zum Beispiel ist in allem relativ cool, ihn stressen keine neuen Lektionen und auch wenn ich mich in neuen Dingen probiere und meine Hilfen vielleicht noch nicht von Anfang an perfekt sitzen, bleibt er immer ruhig und entspannt. Meine Pferde müssen also locker, locker, locker sein und ich finde, dass es einem Amateurreiter so erheblich leichter gemacht wird, die Pferde selbst zu reiten, selbst auszubilden und ihnen neue Dinge beizubringen. Auch mein Dreamy fällt in diese Kategorie Pferd – Er ist von Haus aus ausgeglichen und entspannt, wodurch mir die Ausbildung erheblich erleichtert wird. Im Hinblick auf das Zuchtziel ist mir das Pferd, was im Galopp ausfällt, aber dafür locker durch den ganzen Körper schwingt, dementsprechend viel lieber, als ein Pferd was hektisch strampelnd durch die Bahn trabt. Mein Beuteschema, wonach ich immer wieder Ausschau halten würde und was ich besonders im Hinblick auf die vielen Amateurreiter unter uns als wirklich förderlich und erstrebenswert ansehe. Es ermöglicht uns, dass auch Reiter, welche nicht zu der Kategorie Profi gehören, ihr Pferd selbst anreiten und ausbilden können
  7. Es kam zum Kauf. Wie geht es für die Youngster weiter?
    Wenn wir ein Pferd kaufen, tun wir dies natürlich mit der Hoffnung, es in den Sport bringen zu können, in jeder Altersklasse ein Nachwuchspferd zu besitzen, um es dann nach mehreren Jahren als hoch erfolgreiches und gut ausgebildetes Lehrpferd an einen Endplatz zu vermitteln. Dementsprechend selten kommt es vor, dass wir ein Pferd nur kurz anreiten, um es dann drei- oder vierjährig meistbietend über die Auktion zu verkaufen. Um ehrlich zu sein passt diese Art von Vermarktung auch nicht unbedingt in unser Denken von einer gelungenen Jungpferdeausbildung. Ich bin der Meinung, dass ein Pferd erstmal in Ruhe ankommen muss, sich einleben muss, um sich dann ganz langsam an Sattel und Trense zu gewöhnen. Wir longieren recht lange, um eine Basis an Muskulatur und eine funktionierende Kommunikation zwischen Mensch und Tier aufzubauen. Dabei ist uns ganz wichtig, dass jedes Pferd die Zeit bekommt, die es braucht. Dreijährig muss bei uns kein einziges Pferd Turniere gehen: Belli, Touki, Dancer, Dreamy: Alle durften dreijährig erstmal langsam das Reitergewicht kennenlernen, sich an die Belastung gewöhnen und das Gleichgewicht finden. Können sie Ende dreijährig Schritt, Trab, Galopp ohne Hilfe rechts und links durch die Bahn reiten, haben wir alles erreicht, was wir möchten. Das ganze sollte natürlich in Dehnungshaltung geschehen. Auch aus diesem Grund stellen wir unsere Pferde nicht drei- oder vierjährig auf einem Turnier oder einer Auktion vor: In unseren Augen sind sie in diesem Alter noch nicht so weit, oben rangeritten, strampelnd den Käufern präsentiert zu werden und sollten stattdessen erst vierjährig langsam an die Turnierluft herangeführt werden. Drei kleine Starts reichen dabei völlig, denn letztlich geht es allein darum, dem Pferd die Atmosphäre und das Geschehen zu zeigen. Richtig in die Arbeit kommen sie bei uns erst fünfjährig, wenn sie körperlich so weit sind und die nötige Muskulatur dazu haben. Erst dann ist meines Erachtens der Zeitpunkt gekommen, an dem man die Qualität des Pferdes auch mal bewusster etwas rausreiten kann. Vorher – sowohl dreijährig als auch vierjährig – wäre ein derartiges Vorgehen völlig fehl am Platz. Reitpferdeprüfungen sind zum Kennenlernen und Zeigen dar und nicht, um das letzte bisschen Gangwerk rauszuquetschen. 
  8. Wonach entscheidet ihr, in welchem Alter und mit welchem Ausbildungsstand ihr eure Pferde an den Endverbraucher vermarktet?
    Wie lange das Pferd bleibt, ist immer unterschiedlich. Wenn sich das Pferd so entwickelt, wie man es sich wünscht, es siebenjährig erfolgreich S gelaufen ist und man glaubt, dass es noch weiter geht, dann bleibt das Pferd und wird weiterhin ausgebildet. Manchmal ist es aber natürlich auch so, dass man fünfjährig merkt, dass es einem Pferd sehr schwer fällt und es sich stattdessen auf L/M-Niveau deutlich wohler fühlt, als S. In einem solchen Fall schauen wir entsprechend der Eignung, der Qualität und dem Charakter individuell nach einer passenden Familie und verkaufen es. Das Schöne ist, dass man keine Zeitnot hat, wenn man es in diesem Maße betreibt. Man hat keinen Druck, das Pferd schnellstmöglich zu verkaufen, denn letztlich geht es ohnehin weiter: Entweder bei uns in der Ausbildung oder eben in einer neuen Familie. 
  9. Welchen Weg der Vermarktung wählt ihr?
    Wir verkaufen unsere Pferde meist privat. Frank als Ausbilder hat im Umkreis und auch deutschlandweit viele Kontakte, worüber sich viele potenzielle Kaufinteressenten finden lassen. Ganz wichtig ist mir, dass ich vorher mit den Leuten sprechen kann, um im Gespräch bereits möglichst viele Fragen abzuklären. Dabei selektiere ich extrem aus. Ein unsinniges Probereiten ist für keine Partei – weder Reiter noch Pferd – sinnvoll. Deshalb frage ich bereits im Vorfeld sehr genau ab, was den Käufern wichtig ist und schaue im Anschluss, ob diese Kriterien mit unserem Pferd übereinstimmen. Da wir unsere Pferde von klein auf sehr gut kennen, ist es uns natürlich möglich, die Interessen genau miteinander abzugleichen. Wenn ich glaube, dass es zwischen den potenziellen Käufern und dem Pferd nicht passt, dann weise ich darauf direkt hin. Bislang hat diese Vorgehensweise sehr gut geklappt und entweder der erste oder zweite Reiter, den wir kommen lassen haben, haben das Pferd  gekauft. 
    Teils inserieren wir unsere Pferde auch online, besonders jüngere Pferde, die uns nicht bis in die Klasse S begleiten. Dabei bevorzugen wir meist ehorses, denn damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Einziger Nachteil ist, dass man wirklich überschüttet wird mit Anfragen. Das heißt für mich wiederum filtern, filtern, filtern. Aus diesem Grund ist es mir auch so unheimlich wichtig, dass ich von jedem Interessenten die Telefonnummer bekomme, um mit ihnen sprechen zu können. Ist ein Gespräch nicht möglich, scheidet der Interessent direkt aus. 
  10. Welche Zukunft erwartet die Pferde meistens nach einem Verkauf?
    Es ist natürlich schon so, dass wir vom Prinzip her sehr hochwertige Pferde haben, die qualitativ gut sind, viel Potenzial haben und teils auch schon sehr hoch ausgebildet sind. Die werden zum ganz, ganz großen Teil in sportlich interessierte Familien verkauft. Familien, die sich für ihre Tochter ein Lehrpferd wünschen oder selbst aktive Turnierreiter sind und so gemeinsam mit dem Pferd den Sprung auf M oder auch S schaffen möchten. Besonders schön zu sehen ist es natürlich, wie die Familien mit dem Pferd gemeinsam lernen und erfolgreich sind. Das ist für uns das größte Lob, denn letztlich macht das eine gute Ausbildung aus: Das Pferd muss von jedem zu reiten sein. Der andere Teil unserer Verkaufspferde, welche nicht als Lehrpferd gekauft werden, gehen meist zu sportlich sehr, sehr erfolgreichen Reitern, die mit dem Pferd weiterhin auf S- oder Grand-Prix-Niveau unterwegs sind. 

Vielen Dank für das Interview liebe Chrissi! Die Seite von Chrissi findet ihr auf Instagram unter dem Benutzernamen „fuerstentanz„.  Schaut unbedingt vorbei 🙂

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Ein Kommentar zu „Verkauft – und was dann? | Interview mit Chrissi von „fuerstentanz“

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  1. Toll geschrieben… gute Eindrücke gewonnen… die besonders in Hinsicht vom züchten wichtig sind…ich werde mich mit ihr mal in Verbindung setzen, da sie genau dem entspricht welche Grundvoraussetzungen ich für mich gesetzt habe. Besonders wichtig ist immer wie sich die Pferde entwickeln. Interessanter Beitrag 👏 immer bereichernd 👏weiter so 👍

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