Züchten lernen| Nur wie?

Fünf Jahre ist es nun schon her, als ich die Pferdezucht erstmalig bewusst wahrgenommen habe als das, was sie ist: Der Grundstein für unser Hobby. Ohne die Pferdezüchter in unserem Land hätten wir weder die Pferde, die wir für unseren Reitsport benötigen, noch hätten sie sich über die vergangenen Jahre zu dem entwickelt, was sie sind: Treue, vermögende, sportliche und schicke Sportpartner, die es dem Menschen im Optimalfall so leicht machen, wie möglich und ihnen Freude bescheren, wenn sie abends nach der Arbeit ihrem geliebten Hobby nachgehen. Von diesem Zeitpunkt an war es um mich Geschehen: Die Zucht mit all ihren Facetten hatte mich in nullkommanix in ihren Bann gezogen und am Liebsten hätte ich mir in einer Nacht- und Nebelaktion ein genauso großes Wissensrepertoire angeeignet, wie es die langjährig erfahrenen Züchter besessen. Nach der anfänglichen Europhie folgte jedoch ziemlich schnell die Erkenntnis, dass „erfolgreich züchten“ nicht mal so eben gemacht ist. Stattdessen findet man sich – so riesig der Faible für die Zucht auch sein mag – nach nur kurzer Zeit in einem riesigen Sumpf aus Fachbegriffen, Stutenstämmen, Veranstaltungen und Abläufen wieder, die einem mehr als deutlich vor Augen führen, wie unendlich groß und unergründlich dieses Thema doch eigentlich ist.

Knapp fünf Jahre sind es also nun schon, in denen ich mich zunehmend intensiver mit der Sportpferdezucht auseinandergesetzt habe. Fünf Jahre: Ein Zeitraum, bei dem man meinen sollte, dass man sich zumindest mit der notwendigen Portion Mühe und Fleiß genügend Wissen aneignen kann, um mit den großen, erfahrenen Züchtern mitreden zu können. Soll ich ehrlich sein? Ich bin hochgradig infiziert mit dem Zuchtvirus. Die Stunden, in denen ich mich mit Themen rund um die Pferdezucht beschäftigt habe, haben mein Unipensum leider Gottes schon weit überholt. Dennoch – trotz des stark ausgeprägten Willen, so viele Erfahrungen und Erkenntnisse wie nur möglich zu sammeln – gleicht mein Wissensrepertoir immer noch einem Sandkorn am uferlosen Strand der Ostsee. Wenn mir in dieser Zeit eines bewusst wurde, dann ist es wohl die Größe und Unergründlichkeit der Pferdezucht, für dessen „Erforschung“ es mehr bedarf, als Fleiß, Mühe und Wille. Ich spreche von Zeit. Schauen wir einmal auf den Verlauf einer Zuchtsaison: Jedes Jahr reihen sich Fohlenschauen, Auktionen, Stutenleistungsprüfungen, Körungen, Hengstleistungsprüfungen und Championate aneinander. Die Zucht durchlebt eine schnelle Entwicklung, neue Hengste kommen auf den Markt, wiederum andere Hengste haben das Rentenalter erreicht. Möchte man als erfahrener Züchter mit der Entwicklung mithalten und weiterhin auf einem aktuellen Stand sein, sollte man sich in regelmäßigen Abständen mit Ergebnissen von Körungen und Sportprüfungen auseinandersetzen, aber auch Preisspitzen der Auktionen im Auge behalten und Marktbewegungen wahrnehmen. Bereits als langjähriger Züchter läuft man also die Gefahr, aufgrund der enormen Schnelligkeit der Pferdezucht seinen Wissensstand über die Jahre hinweg nicht aufrecht erhalten zu können. Versetzen wir uns nun einmal in die Lage der Zuchteinsteiger, erwartet uns eine doppelte Herausforderung: Zum einen liegt eine vergangene, jahrzehntelange Zucht hinter uns, welche die heute erfolgreichen Deckhengste und Vererberlegenden hervorgebracht hat und die es zu durchdringen gilt, wenn man die Entwicklung der Pferdezucht im Hier und Jetzt vollständig verstehen und nachvollziehen möchte. Neben der Vergangenheitsarbeit – die meines Erachtens unerlässlich ist, wenn man die Pferdezucht wirklich ergründen möchte, – kommen die aktuellen Entwicklungen hinzu. Ihr seht: Die Beschäftigung mit der Zucht ist gewissermaßen ein Lauf gegen die Zeit. Man kann sich noch so bemühen und sich motiviert in das Themengebiet einarbeiten: Letztlich wird es viele Jahre benötigen, bis man die Geschehnisse halbwegs durchdrungen hat.

Abgesehen von der Zeit, die wir uns weder erkaufen können noch vorspulen können, sind Fleiß und Ehrgeiz natürlich ebenso wichtige Komponente. In den vergangenen Monaten hat mich immer mal wieder die Frage erreicht, wie ich vorgehe, wenn ich mich mit der Pferdezucht beschäftige.
Ganz oben auf meiner Liste steht der Kontakt zu einem langjährig erfahrenen Züchter. Kein Lehrbuch und kein Vortrag kann ersetzen, was man bei einem befreundeten Züchter in einem Plaudergespräch nebenbei erklärt bekommt. Tatsächlich stammt nahezu mein gesamtes Wissen, was ich mir bislang erarbeiten konnte, von Gesprächen, die ich mit meiner befreundeten Züchterfamilie führen konnte. Besonders mehrstündige Fahrten zu Besamungen, Auktionen und Schauen bieten die Gelegenheit, sämtliche Fragen zu stellen, die einem im Kopf herumschwirren und sich Zusammenhänge erklären zu lassen, über die kein Lehrbuch hätte Aufschluss geben können. Gewissermaßen ist die A7 meine persönliche Fortbildungsstätte: Unzählige Stunden habe ich bereit im Auto zu Zuchtveranstaltungen verschiedenster Art verbracht und dabei Dinge in einem lockeren Plauderton erzählt bekommen, welche ich ohne jegliche Anstrengung direkt verinnerlichen konnte. Es sind die kleinen Anekdoten, die persönlichen Geschichten des Züchters, die das abstrakte Wissen greifbarer machen und noch dazu dafür sorgen, dass man es länger im Gedächtnis behält, als einen trockenen Aufsatz über die Historie einer Deckstation es vermag.

Als zweitwichtigsten Punkt würde ich den Austausch in Zuchtgemeinschaften anführen. Seien es Züchterfahrten, organisiert durch den Verband oder ein Gespräch unter den Ausstellern einer Auktion, während man auf die nächste Präsentation wartet: Treffen Züchter aufeinander, ist dies eine Chance des Austausches und der Diskussion, aber auch der Wissensaneignung. Mitreden kann man häufig noch nicht – nimmt man sich aber die Zeit, den Gesprächen einiger Züchter zu folgen, so erschließen sich einem ganz unverhofft Unklarheiten, die sich wann anders einmal aufgetan haben. Und die Züchter beißen nicht – so meine Erfahrung.  Zeigt man also ehrliches Interesse und fragt vernünftig nach, so gibt es kaum jemanden, der einem eine Auskunft verwehrt.

Weiter geht es mit Veranstaltungen: Zum einen gibt es Veranstaltungen, die explizit darauf ausgelegt sind, Züchter fortzubilden, zum anderen sind es aber auch die „normalen“ Hengstleistungsprüfungen, Auktionen und Körungen, die unheimlich aufschlussreich sein können. Fangen wir mit dem Erstgenannten an: Besteht Interesse, bieten die Verbände – besonders der Hannoveraner Verband – in regelmäßigen Abständen Seminare und Vorträge an, welche man gegen eine Gebühr besuchen kann. Die Termine dafür stehen meist bereits Anfang des Jahres fest, sodass man genügend Zeit hat, sich spannende Themen herauszusuchen und sich rechtzeitig anzumelden. Rein theoretisch müssen es aber gar nicht die puren Theoriestunden sein. Ist man in einem Pferdezuchtverband, wird meistens einmal im Jahr eine Züchterfahrt zu einer Deckstation oder einer Veranstaltung angeboten, es werden kleine Züchtertreffen veranstaltet und Redner eingeladen, die im Anschluss an eine Versammlung über ihren Arbeitsschwerpunkt referieren. So hatte ich im ersten Jahr bereits das große Glück, einen Vortrag von Urs Schweizer verfolgen zu dürfen, gefolgt von einem Vortrag von Herrn Dr. Reimann – dem Verbandstierarzt des Hannoveraner Verbandes – welcher über die Hürden des Röntgen referierte. Gleiches gilt für das zusätzliche Programm des Verbandes: Ich durfte beispielsweise bereits die Hengststation Beerbaum besuchen, bei der uns eine Futterberatung für tragende Stuten zuteil wurde, ebenso wurde ein Freispringen für junge Pferde von Niels von Hirschheydt veranstaltet, bei denen die Züchter sich Tipps und Tricks zum richtigen Trainieren der Nachwuchspferde abholen konnten.

Letztendlich müssen es aber gar nicht diese speziellen „Fortbildungen“ sein: Bereits bei normalen Auktionen, Schauen und Körungen ist es möglich, sein eigenen Wissensstand zu erweitern. Man bekommt zum einen die Möglichkeit, eigene Eindrücke zu den jeweiligen Pferden zu sammeln, zum anderen gibt die Moderation häufig enormen Aufschluss über erfolgreiche Vorfahren, besondere Blutlinien, dem Mutterstamm, erfolgreiche Zuchtergebnisse des Züchters und vieles Mehr. Die wohl schwierigste Hürde der Zucht ist es – so zumindest mein Empfinden – die Masse an verschiedenen Deckhengsten zu bewältigen und sich Wissen zu den einzelnen Hengsten mit Blick auf dessen Eigenleistung, Vererbung, aber auch dessen Schwächen anzueignen. Besonders der Hang der Züchter, seinen Nachkommen einen Namen zu geben, welcher Ähnlichkeit mit dem des Vaters aufweist, macht es uns Zuchtneulingen nicht unbedingt leicht, das angeeignete Wissen nicht durcheinander zu würfeln. Casallco, Casallato, Cascadello: Da kann einem schnell schon mal der Überblick flöten gehen.  Aus diesem Grund finde ich es unheimlich hilfreich, Veranstaltungen zu besuchen, bei denen man die Möglichkeit hat, sich reihenweise Abstammungen rauf und runter zu vergegenwärtigen. Man sollte zwar meinen, dass einem das auch mit einem Hengstkatalog Zuhause auf dem Sofa möglich ist, allerdings bleibt das pure Lesen der Abstammungen genauso wenig im Kopf, wie das stumpfe Vokabellernen. Sitzt man allerdings auf einer Tribüne, liest eine Abstammung und hat zudem die Möglichkeit, sich anhand des dort vorgestellten Pferdes ein eigenes Bild von den Nachkommen zu machen, bleibt vielleicht der ein oder andere Hengstname besser im Gedächtnis, als man es sich zu wünschen traut. Aus diesem Grund nehme ich so häufig an Fahrten zu Zuchtveranstaltungen teil: Hier ein Fohlen, was mir besonders ins Auge springt, dort eine interessante Geschichte des Moderators zu einem Stutenstamm und schwuppdiwupps, hat man sein ganz persönliches Live-Erlebnis, was nicht mehr so schnell aus dem Kopf verschwinden wird. Zusätzlich bieten Veranstaltungen eine gute Gelegenheit, sein eigenes Auge zu schulen: Natürlich fällt es einem anfangs schwer, Fohlen zu beurteilen oder Hengste zu bewerten. Nimmt man sich aber die Zeit, verschiedene Fohlen eines Jahrgangs anzuschauen und mehrere Nachkommen einer Blutlinie miteinander zu vergleichen, so fallen einem sogar als Laie bestimmte wiederkehrende Merkmale auf, aufgrund derer man auf eine bestimmte Vererberleistung des Hengstes schließen kann. Zugegebenermaßen fahre ich nach einer Zuchtveranstaltung nicht nur mit Antworten, sondern auch mit ganz vielen neuen Fragezeichen im Kopf nach Hause: Auch hier ist also ein Ansprechpartner unerlässlich, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht und nicht müde wird, unseren Wissensdurst zu besänftigen.

Zuletzt heißt es für mich lesen, lesen, lesen und schauen, schauen, schauen. Hengstkataloge, Clipmyhorse, Videos im Internet, Körergebnisse, Preisspitzen der Auktionen oder Artikel im Züchterforum: All diese Informationen lassen sich abends vor dem Schlafengehen noch einmal „schnell“ online recherchieren.
Ihr seht: Im Prinzip gibt es unendlich viele Möglichkeiten, sich mit der Zucht zu befassen. Man muss es nur Wollen und das nicht „nur ein bisschen“, sondern richtig.

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