Die Aufzucht der Fohlen

Mit dem Absetzen beginnt für die Fohlen ein neuer Lebensabschnitt. Nachdem sie die ersten Monate im Schutz von Mamas Rockzipfel ihre ersten Erfahrungen sowohl im Umgang mit den Zweibeinern als auch mit den Vierbeinern sammeln durften und im Rahmen der einen oder anderen mutigen Entdeckungstour schon mal Stück für Stück vorsichtig die Umgebung erkundeten, sind die kleinen Racker in den letzten drei Monaten zu selbstbewussten, eigenständigen und kräftigen Absetzern herangewachsen, die sich nun langsam aber sicher zum „richtigen Jährling“ mausern. Nun ist es an der Zeit, dass die Fohlen ihre ganz eigenen Erfahrungen machen und lernen, eigenständig und vor allem auch eigenverantwortlich ohne den gewohnten mütterlichen Schutz durchs Leben zu gehen. Ein Prozess, dessen Grundlagen bereits durch die Mutterstuten gelegt wurden, indem sie ihre Zöglinge behutsam aber konsequent erzogen und angelernt haben. Nichtsdestotrotz ist der Reifeprozess natürlich noch lange nicht abgeschlossen, weshalb die nun anstehende Phase der Aufzucht nicht weniger wichtig ist, als die Zeit im Fohlenkindergarten. Wie bei den Menschen auch kommt nach dem Kindsein und vor dem Erwachsensein das Teeniealter: Eine Phase, die dafür bekannt ist, dass die „Betroffenen“ relativ viel Zeit für sich benötigen, um vernünftig mit der neu gewonnenen Einsichtsfähigkeit umzugehen, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, um schlussendlich mit einem möglichst gefestigten Charakter, einer gewissen Reife, Einsicht und Erfahrung die finale Phase zum Erwachsensein, in unserem Fall das Anreiten, zu bestreiten. Die Aufzucht ist also gewissermaßen die Vorschule, in der die Jungpferde in erster Linie eine glückliche Kindheit genießen sollen, gleichermaßen wird aber bereits von der Natur im Rahmen des Miteinanders der Jungpferde im Herdenverband dafür gesorgt, dass sie eine gewisse Portion Erziehung genießen und an Erfahrungen gewinnen. Diese – ich nenne es mal – „Zwischenphase“ hat leider eine Tücke: Gewissermaßen ist es „ungenutzte Zeit“, immerhin um die drei Jahre, in denen das Jungtier, der neue Sportpartner in spe oder der Freund fürs Leben zwar da ist, aber irgendwie nicht richtig zur Verfügung steht. Klingt absurd, schließlich weiß der Großteil, dass es vollkommen normal ist, dass Pferde mindestens drei Jahre benötigen, um ansatzweise vom Exterieur und vom Interieur so weit zu sein, dass man mit ihnen „arbeiten“ kann. Und dennoch bringt diese besagte Phase die Gefahr mit sich, dass man vielleicht schon zu früh oder zu intensiv den Kontakt mit dem heranwachsenden Zögling sucht und ihm damit unbewusst und vor allem ungewollt die Kindheit nimmt. Worauf ich hinaus möchte: Die Phase der Aufzucht bringt ein großes, großes Fragezeichen mit sich. Es herrscht nicht nur große Unsicherheit dahingehend, welches Maß an Erziehung und Kontakt wohl am Sinnvollsten ist, sondern auch besonders in Bezug auf die Art der Haltung der Jungspunde. Die Spanne ist gigantisch: Während die einen die naturbelassene Aufzucht präferieren und ihren Zögling für drei Jahre in die „Wildnis“ schicken, fristen andere Jungpferde bereits ab dem achten Monat ihr Dasein als „Fast-Sportpferd“ in einer Box.

Wie so oft gibt es wohl auch bei dieser Thematik nicht DIE eine, richtige Lösung. Stattdessen gibt es viele Wege, die zu einem glücklich aufgewachsenen Jungpferd beitragen und letztlich ist es immer auch eine gewisse Frage der Kapazität und des individuellen Pferdes, für was für eine Aufzucht man sich schlussendlich entscheidet. Nichtsdestotrotz möchte ich euch heute zum einen einmal einen kleinen Eindruck davon vermitteln, dass es gar nicht so einfach ist, die „perfekte Aufzucht“ zu kreieren. Zum anderen möchte ich euch gerne eine Aufzucht vorstellen, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte und die ich sehr, sehr zu schätzen weiß.

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Die Haltung der Jungspunde . Von einer vollkommen naturbelassenen Wiese in Timbuktu, über die Haltung im Aktivstall bis hin zur Boxenhaltung ist wohl heutzutage (leider) alles dabei. So groß wie die Spanne an möglichen Haltungsformen reicht, so gigantisch sind auch die unterschiedlichen Meinungen, die zu diesem Thema kursieren. Wenn es um das Wohlbefinden der Pferde geht, haben Besitzer die große Gabe, unheimlich einfallsreich zu werden. Dementsprechend dauert es meist nicht lange, bis eine Liste mit wünschenswerten Aspekten geschrieben ist, die man sich für das jeweilige eigene Fohlen wohl wünschen würde. Im Kern ist man sich wohl dennoch einig, dass man mittels einer gut durchdachten Haltungsform, einer ausreichenden Fütterung und einer gewissen Portion menschlicher Fürsorge die optimalen Bedingungen für eine gesunde und artgerechte Entwicklung der Fohlen schaffen möchte. Was in der Theorie relativ simpel klingt, ist in der Umsetzung gar nicht so einfach. Um einmal den Blick etwas dafür zu schärfen, wie viele Wünsche, aber auch logistische und organisatorische Kapazitäten der Stallbetreiber berücksichtigen muss, wenn er einen Aufzuchtplatz anbietet und wie schwer es eigentlich ist, diese alle unter einen Hut zu bringen, möchte ich mir mit euch heute einmal die Wunschliste der „perfekten Aufzucht“ etwas genauer anschauen und einzelne hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit hinterfragen.

Zuallererst steht wohl die Naturbezogenheit an oberster Stelle. Egal mit wem man spricht: Die Winteraufzucht an der Wiese scheint die Lösung für alles zu sein. Möglichst weitläufig, so naturbelassen wie möglich und mit genügend gleichaltrigen Artgenossen an ihrer Seite. Für genügend Schutz sollte mit einem großen Unterstand gesorgt sein, um den Fohlen einen Rückzugsort vor schwankenden Witterungsbedingungen bereitzustellen. Vielfach lese ich diesbezüglich, dass Fohlen immer noch Tiere seien und den herrschenden Umweltbedingungen gewachsen sein sollten. Diese Meinung teile ich im Frühjahr, Sommer und Herbst voll und ganz – spätestens jedoch wenn es drei Wochen am Stück schüttet, die Fohlen keinen trockenen Fussel an ihrem Fohlenplüsch mehr haben und sich nachts zum Schlafen auf den kalten, gefrorenen Boden legen müssen, hört es für mich mit der Naturbelassenheit auf. Tiere hin oder her: Wenn sie sich erstmal eine dicke Erkältung eingefangen haben und geschwächt durch den Winter gehen, ist uns auch nicht geholfen. Wir halten also als Erstes den Wunsch nach einer schönen, geräumigen Wiese und einem Unterstand fest.

Bis hierhin klingt unsere Wunschliste erstmal relativ simpel und überschaubar: Im Besitz von Wiesen sind die meisten Ställe, ebenso ist auch der Bau eines Unterstandes kein Hexenwerk. Dennoch kommen nicht alle Züchter diesem Wunsch nach und entgegen der vielfach vertretenen Meinung, die Züchter seien nur auf die Qualität ihrer Wiesen bedacht und würden sie deshalb nicht zur Verfügung stellen, gründet dieser Umstand in ganz anderen Gesichtspunkten, die vielfach vergessen werden. Fangen wir an mit dem Zustand der Böden: Das Dürrejahr 2018 einmal kurz ausgeklammert leben wir in Deutschland: Einem Land, bei dem es besonders im Winter wohl wenig Sonne, viel Regen und wenig Frost gibt. Heißt nichts anderes, als dass auch die bestgelegensten Wiesen meist in kürzester Zeit derart durchnässt sind, dass sie eher einer Schlammgrube gleichen, als dem gewünschten Steppenparadies. Zum einen natürlich bedenklich, wenn man keine unbegrenzte Anzahl von Weideflächen hat und die besagten Wiesen im Sommer für vitaminreiches, saftiges und nahrhaftes Gras sorgen soll. Das ist aber nicht der einzige Punkt: Nicht selten kommt es vor, dass ein Fohlen weich gefesselt zur Welt kommt, eine Fehlstellung mit sich bringt oder generell noch nicht das gewünschte Maß an Festigkeit seines Sehnenapparates aufweist. In diesem Fall ist harter Boden das Beste, was einem Jungpferd in der Aufzucht passieren kann, gleichermaßen ist ein tiefer, schlammiger Boden 100% kontraproduktiv, denn auch so nette Krankheiten wie Mauke und Strahlfäule fühlen sich unter diesen Bedingungen äußerst wohl.

Weiter geht es mit der Logistik: Natürlich ist eine Wiese mit einem Unterstand schnell gefunden. Aber liegt die Bewirtschaftung dieser Wiese auch im Bereich des Möglichen? Heuballen müssen alle paar Tage gefahren werden, Wasserfässer müssen getauscht werden und auch die Kontrollen wollen täglich durchgeführt werden. „Eine Wiese so groß wie möglich?“ ist sicher schnell gefunden, spätestens aber wenn der Eigentümer des Fohlens spät abends nach der Arbeit im Dunkeln bei strömenden Regen auf einen Drei-Tages- Marsch aufbricht, um sein Fohlen zu besuchen, ist eine unmittelbare Nähe der Aufzucht zum Stall gar nicht so unbedingt verkehrt. Wo wir nun auch schon beim nächsten Thema wären: Wildpferdeleben hin oder her: Dass die Jungpferde vom Hufschmied regelmäßig ausgeschnitten und korrigiert werden müssen, ist uns denke allen bekannt. Nun bedarf es aber auch keiner großen Vorstellungskraft, dass sich die Hufschmiede bessere Bedingungen vorstellen können, als halbstarke Teenie-Wildpferde auf der schlammigen, kalten Wiese ausschneiden zu müssen. Was im Sommer vielleicht noch gehen mag, erreicht im Winter unzumutbare Ausmaße: Ein trockenes Plätzchen, ein gescheiter Platz zum Anbinden, ebener Boden (damit man auch sieht, was man da tut), etwas Licht und eine gut erreichbare Zufahrt ist denke ich das Mindeste der Bedingungen, für die man sorgen sollte. Auch hier gilt wieder: Natürlich kann es diese besagte XXL-Wunschwiese geben, die direkt an den Stall angrenzt, sodass man die Jungpferde für etwaige Hufschmiedtermine schnell hereinholen kann. Nicht überall befindet sich aber der Stall in einem Naturschutzgebiet, in dem man sich 360 Grad ausbreiten kann. Der Regelfall ist dann doch wohl eher, dass zumindest die Wiesen in unmittelbarer Nähe zum Stall von begrenzter Stückzahl und begrenzter Größe sind. Wir halten als Zwischenergebnis fest: XXL-Wiese, mit Unterstand, trocken und fest, in unmittelbarer Nähe zum Stall, am besten mit einer gepflasterten Zufahrt statt eines zugewachsenen Waldweges und einer kleinen Stallgasse, um etwaige Tierarzt- und Hufschmiedtermine optimal durchführen zu können.

Kommen wir nun zum letzten Aspekt bzgl. der „Wunschhaltung“. Hat man sich entschieden, die Jungpferde die ersten Jahre noch größtenteils Wildpferd sein zu lassen, so kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man beginnt, die Ausbildung unter dem Sattel vorzubereiten. Der erste Gang zur Halle wird getätigt, es werden Führübungen gemacht und alltägliche Dinge wie das Abspritzen mit dem Wasserschlauch oder das Anbinden werden im Hinblick auf die anstehende Ausbildung etwas regelmäßiger geübt. Am Schönsten ist es natürlich, wenn man sich diese Grundausbildung im Umgang erarbeiten kann, während das Jungpferd noch in seinem gewohnten Herdenverband steht und die restlichen 23 Stunden des Tages Pferd sein darf. So lässt man dem Pferd noch so viel Kindheit, wie möglich und führt es Stück für Stück an die tägliche Arbeit heran, ohne dass man es von heut auf morgen in eine völlig neue Situation ohne Jungpferdeherde, ohne seine Freunde und mit völlig neuen Aufgaben konfrontiert. Wo wir nun beim nächsten logistischen Aspekt wären, denn jeder, der schon einmal ein Teenie aus seiner Jungpferdeherde genommen hat, um es wegzuführen, weiß, wie stark so eine Teeniebandenmitgliedschaft ausgeprägt sein kann. „Weggehen, von meinen Freunden, allein, einsam, in die fremde, weite Welt hinaus? Nicht. Mit. Mir.“ Nun steht man also da, mit einem halbstarken Jüngling an der Hand, hat es vielleicht gerade noch so geschafft ihn von der Weide herunterzuholen, ohne dass gleich die anderen zwanzig Junghengste Freiluft wittern und es passiert sage und schreibe nichts. „Wie ein Baum im Walde“ bekommt an dieser Stelle nochmal eine ganz andere Dimension. Nun darf die Verbundenheit unter den Jünglingen nicht unterschätzt werden. Diese ist nämlich meist weitaus intensiver, als man es glauben mag. Zumindest so stark, dass dem einen oder anderen Jungspund schon mal komische Gedanken kommen, wenn sie ihren Freund am Horizont weggehen sehen. Der Zaun sollte also zumindest so konstruiert sein, dass der Rest der Bande sich nicht ungeplanterweise dem kleinen Spaziergang anschließt und stattdessen auf der richtigen Seite des Zaunes bleibt.

Ihr seht: Ganz so einfach ist es mit der perfekten Aufzucht doch nicht. Auf der einen Seite die große, weitläufige, naturbelassene Wiese, auf der anderen Seite eine gewisse Festigkeit des Bodens, die unmittelbare Nähe zu Stall und die tägliche Einzelbetreuung hinsichtlich des Futters und der Kontrollen. Selbstverständlich möchte ich nicht ausschließen, dass die Umsetzung all dieser Komponenten gleichzeitig möglich ist. Ich bezweifle jedoch stark, dass all die genannten Komponenten gleichermaßen berücksichtigt werden können, ohne dass einer von ihnen Abstriche erleiden muss. Schaut man sich also das nächste Mal Aufzuchtmöglichkeiten an, hat man vielleicht im Hinterkopf, dass die „perfekte Aufzucht“ nicht so leicht umsetzbar ist, wie es scheint und sich Stallbetreiber häufig viel mehr bei der gewählten Haltungsart denken, als man glaubt.

So viel also erstmal zu der Problematik der „perfekten Aufzucht“. Doch was ist nun unser Ergebnis? Dank der lieben Familie, bei der ich tagtäglich meine Zeit verbringe habe ich nun eine Vorstellung davon bekommen, wie eine Aufzucht im Winter aussehen kann, bei der man möglichst viele der genannten Wünsche und Anregungen vereint, ohne schwerwiegende Abstriche machen zu müssen. Mehrere Teenieställe bietet der Reitstall Rittstieg an, von denen alle einem ähnlichen Prinzip folgen. Ziel ist es, den Jungpferden auch im Winter so viel Freiheiten und natürliche Begebenheiten einzuräumen, wie möglich und trotzdem zeitliche und logistische Aspekte für einen funktionierenden Ablauf auf dem Betrieb zu berücksichtigen. Alle Unterkünfte sind so aufgebaut, dass die Pferde frei wählen können zwischen einem überdachten, eingestreuten Innenbereich und einem mehr als großen Paddockbereich unter freiem Himmel, in dem sie frische Luft schnappen können und sich nach Belieben nassregnen oder zuschneien lassen können. Für die wohl wichtigste Bedingung einer gelungene Aufzucht – dem unbegrenzt bereitgestellten Raufutter – ist sowohl im Innenbereich in Form von Fressluken, als auch im Außenbereich in Form von überdachten Heuraufen gesorgt. Im Prinzip ist das Wachsen und Großwerden die vorerst einzige und wichtige Aufgabe der Jungspunde. Um die Umsetzung zu gewährleisten, bedarf es somit gutes, uneingeschränktes zur Verfügung stehendes Heu, das tägliche Füttern von Kraftfutter in Form von Gerste oder Hafer und die kontrollierte Fütterung von einem guten, reinen Mineralfutter frei von unnötigen Zusätzen. In den Teenieställen des Reitstall Rittstiegs wurden dafür in allen Innenbereichen Futtertröge entlang der Wände angebracht, damit es innerhalb der Gruppe nicht zu Rangeleien kommt und jedes Pferd in Ruhe seine Portion Kraftfutter zu sich nehmen kann. Um die angesprochenen Tierarzt- und Hufschmiedtermine gewährleisten zu können, grenzen drei der vier Teenieställe unmittelbar an eine trockene, überdachte und mit Licht und Strom versehene Stallgasse an. So wird gewährleistet, dass für den Notfall vernünftige, sichere Anbindeplätze vorhanden sind und vor allem die Arbeit unter zumutbaren Bedingungen stattfinden kann. Ich denke wir sind uns alle einig, dass eine Untersuchung des Tierarztes auf einer großen, schlammigen Wiese, bestenfalls winterbedingt sogar noch im Dunkeln nicht der Optimalfall darstellt. Und auch für den Stallbetreiber und/ oder Eigentümer ist es wesentlich angenehmer, den Arbeiten des Hufschmiedes beizuwohnen, wenn man ein trockenes, halbwegs warmes Plätzchen zur Verfügung stehen hat. Bei zwanzig-dreißig Jungpferden kann die Zeit schon mal ganz schön lang werden, wenn einem die Schneeflocken irgendwo in der Prärie auf den Kopf fallen. Wo wir auch schon bei dem letzten Aspekt wären: Natürlich sollen die Jungpferde täglich gefüttert und kontrolliert werden, aber auch die Schmuseeinheit und der Kontakt mit den kleinen Nachwüchslern sollte nicht zu kurz kommen. So husche ich abends immer nochmal gerne zu den Kleinen, um nach dem Rechten zu sehen und sie einmal etwas durch zu kraulen. Stehen die Pferde hingegen auch im Winter auf einer Wiese, bezweifle ich, dass die Motivation der Eigentümer und Pfleger anhält, täglich seinem Nachwuchsstar bei Wind und Wetter einen Besuch abzustatten.

Das ist sie also: Meine ganz persönliche, wahr gewordene Vorstellung von einem Pferdeparadies. Direkt angrenzend an den Stall sind sie in unmittelbarer Nähe zum Geschehen, können mehrmals täglich kontrolliert werden, auf dem große Sandpaddock der Anlage toben und bei Bedarf im herannahenden Alter von drei Jahren an dem üblichen Geschehen in der Halle oder auf dem Platz teilhaben, ohne einen großen Marsch von der Wiese zum Stall einplanen zu müssen. Die anderen Herdenmitglieder sind bei einem solchen Ausflug sicher untergebracht, sodass man zu keinem Zeitpunkt Angst haben muss, dass sie plötzlich neben einem stehen. Und noch viel wichtiger: Durch den befestigten Boden brauch man sich keine Sorgen um den Sehnenapparat der Jungspunde zu machen, stattdessen trägt die tägliche, kontinuierliche Bewegung auf hartem Boden dazu bei, dass sich der – möglicherweise noch nicht optimal gefestigte – Sehnenapparat der Fohlen optimiert. Gleiches gilt für -20 Grad und Schneetürme der Extraklasse, die man nun beruhigt vor dem Kamin verbringen kann, ohne dass man sich Sorge um seinen Nachwuchschampion machen muss. Besuche ich die Kleinen, stehen sie meist gemeinsam zufrieden mümmelnd am Heu, halten im trockenen Stroh ihren Mittagsschlaf ab, spielen miteinander oder lassen sich die Sonne auf den Pelz scheinen: Ich denke mit dieser Art von Aufzucht wird man den Bedürfnissen der Jungpferde mehr als gerecht und schafft es noch dazu, die Interessen der Eigentümer, Tierärzte und Hufschmiede bestmöglich zu berücksichtigen.

In dieser Haltungsform werden die Youngster nun also den Winter überbrücken, um dann im Frühjahr gesund und gestärkt wieder geschlossen als Herde 24h auf die Wiese zu gehen, wo Heuraufe, tägliche Kontrollen und selbstgebaute Futtertröge auf sie warten.

Kommen wir nun zu dem zweiten Fragezeichen hinsichtlich der Aufzucht der Jungpferde: Wie viel Zeit sollte man mit dem Fohlen/ Jungspund verbringen? Wie intensiv sollte die  „Ausbildung“ während der Aufzucht aussehen? Sollte man überhaupt erziehen oder das Pferd stattdessen lieber Pferd sein lassen? Fakt ist: Die Phase der Aufzucht ist genauso  wie die Zeit im Kindergarten eine unheimlich prägende Phase. Die Jungpferde festigen ihren Charakter, lernen das Miteinander mit anderen Pferden und sammeln mit jedem Tag neue, kleine Erfahrungen, die sie auf das zukünftige Leben als Reitpferd vorbereiten. Die Phase der Aufzucht zeichnet sich aber auch besonders dadurch aus, dass die kleinen, neugierige Wesen unheimlich wissbegierig sind und neuen Aufgaben meist mit gespitzten Öhrchen entgegen blicken. Optimale Bedingungen, um dem Jungspund unter „lockeren“ Bedingungen, spielerisch einige wichtige Basics beizubringen, die einem die spätere Arbeit mit einem dreijährigen Halbstarken wesentlich vereinfacht. Alles, was die Kleinen von Anfang an kennen und als „selbstverständlich“ ansehen, wird im Laufe ihres weiteren Lebens nicht mehr zur Debatte stehen. Natürlich lassen die berühmt berüchtigten Testphasen, in denen die Jungspunde ihre Grenzen ausreizen und bereits erlernte Dinge neu hinterfragen, nicht lange auf sich warten. Wenn dem Fohlen allerdings von Anfang an ein vernünftiges Miteinander gelehrt wird und es seine ersten „Ausbildungseinheiten“ ausschließlich mit positiven Erlebnissen verknüpfen kann, ist der Grundstock für die Zukunft gelegt. Die Wissbegierde der Jungspunde hat jedoch eine Tücke: Auch wenn es scheint, als würden sie die Dinge spielerisch erlernen, muss jede neue Aufgabe verarbeitet werden. Kleine Dinge, die man mal „eben schnell“ zeigen und üben möchte, können die Kleinen auch überfordern. Die Intention der Besitzer ist verständlich: Man möchte Zeit mit seinem Nachwuchspferd verbringen, ihn bestmöglich ausbilden und erziehen. Hat man schon einmal die Gelegenheit, sich sein Pferd von klein auf so „hin zu erziehen“ wie man es gerne möchte, juckt es natürlich in den Fingern, die Übungseinheiten einmal mehr durchzuführen, als einmal zu wenig. Gewissermaßen schafft sich der Besitzer damit ein eigenes Projekt und läuft dabei Gefahr, bei dem Streben, das Ziel zu erreichen, das Jungpferd zu überfordern. Es mag banal klingen, aber ein Absetzer ist irgendwo immer noch ein Kind: Eine Übung, die bei einem Zweijährigen überhaupt kein Problem darstellt, erfordert bei dem Zögling eine große Portion Konzentration und Anstrengung, die nach außen hin manchmal auch nicht immer sichtbar ist. Aus diesem Grund ist es – meines Erachtens – unheimlich wichtig, dass man immer hinterfragt, ob die gestellte „Aufgabe“, der längere Spaziergang, das Hängertraining wirklich dem Alter angemessen ist oder ob es den Jungpferden nicht ein oder zwei Jahre später viel leichter fällt, die gestellte Herausforderung zu bewältigen. Was ich damit meine: Jeder kennt vermutlich die Altersangaben auf Spielen und Büchern. Natürlich würde man es hinbekommen, mit einem fünfjährigen Kind ein Spiel für Neunjährige zu spielen. Mit Geduld und guten Erklärungen ist so einiges möglich. Es verlangt dem Kind aber eine Mühe ab, die überhaupt nicht notwendig ist: Kann es das Spiel doch im Alter von neun Jahren immer noch spielen, ohne den anderen Kindern „hinterher zu hängen“ und noch dazu fällt es ihm zu diesem Zeitpunkt viel, viel einfacher. Warum also das Spiel mit einem fünfjährigen Kind spielen? Andersherum ist es wichtig, bestimmte erzieherische Maßnahmen rechtzeitig zu ergreifen und nicht zu lange damit zu warten. Das beste Beispiel dafür ist wohl das Führen: Das Führen ist bereits bei dem Gang zur Wiese mit der Mutterstute an der Seite unheimlich schnell erlernt und erfordert von den Fohlen keine übermäßige Anstrengung oder Konzentration. Stattdessen merken sie häufig gar nicht, dass etwas an ihm Köpfchen rumbaumelt und laufen ihrer Mama hinterher, wie es ihr Instinkt vorgibt. Ein paar Tage später ist es dann schon fast „Normalität“, dass ein Zweibeiner bei dem Gang zur Wiese neben einem her läuft und es Zuppelt, wenn Mama und Fohlen stehen bleiben soll. Wartet man mit dem Führen jedoch bis zum Alter von drei Jahren, erwarten einen ewige Diskussionen und das berüchtigte „Kräftemessen“ und Austesten der Halbstarken. Stress, den man sich und dem Jungpferd wiederum hätte ersparen können, wenn sie es von klein auf nicht anders kennengelernt hätten. Um zum Ende zu kommen: Die wichtigsten Basics, wie das Führen, das Hufegeben und das Stillstehen wenn der Tierarzt kommt sollten frühzeitig spielerisch gelehrt werden und in regelmäßigen Abständen einmal kurz abgefragt werden. Alles darüber hinaus: Sei es das Spazierengehen weg von der Herde, das Zeigen von Hütchen, Flattern und Stangen in der Halle und auch das regelmäßige Hängertraining sind meiner Meinung nach „Schnickschnack“ die zum richtigen Zeitpunkt sicher nicht schaden, aber auch nicht notwendig sind und zu früh sicherlich mehr Kindheit nehmen, als dass sie an Erziehungswerten mit sich bringen. Versteht mich nicht falsch: Natürlich ist es wichtig, dass ein Jungpferd für den Notfall auf den Hänger geht. Sie sind aber immer noch Kinder. Letztlich kann man es noch so oft üben: Sicher ist nie, dass es in der besagten Situation klappt. Sind sie bereits mit ihren Müttern zu einer Fohlenschau gefahren oder zur Wiese einmal mit einem Hänger transportiert wurden und haben sie dabei nur positive Erfahrungen gemacht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf den Hänger gehen, genauso groß, als wenn ich es zwanzig mal geübt habe, wovon es fünf Mal nicht geklappt hat. Im Gegenteil: Ich würde sogar behaupten, dass das „Hängertraining“ zu früh und zu intensiv mehr kaputt machen kann, als dass es etwas bringt. So gern sie den Zweibeiner auch haben: Letztlich bringt das Wegführen von den Anderen bei den meisten Jungspunden – so würde ich behaupten – immer eine gewisse Portion Unwohlsein mit sich. Nicht die besten Voraussetzungen, um dem Pferd den Hänger & Co. als etwas „ganz tolles“ zu verkaufen.

Letztendlich muss man sich immer wieder bewusst machen, dass es immer noch die Mutter Natur ist, die einen Großteil der nötigen Erziehung übernimmt und im Rahmen des Herdenverbandes dafür sorgt, dass die Jungpferde während der Aufzucht die nötige Reife und Erziehung erfahren.  An geeigneten Stellen „eingreifen“, spielerisch die wichtigsten Basics erlernen und ansonsten das Pferd Pferd sein lassen. Ich denke damit lässt man dem Jungpferd die Zeit für sich, die es im Teenageralter benötigt und legt dennoch den Grundstock für ein gelungenes Miteinander in der Zukunft. Aber Achtung: Das ist mein ganz persönliches Empfinden und keinesfalls das „Non-plus-ultra“. Wie bei so vielen Dingen im Leben, gibt es auch hierbei nicht den einen, perfekten Weg. So lange man immer im Sinne des Pferdes handelt und stetig hinterfragt, ob es wirklich gerade sinnvoll und notwendig ist, was man tut, wird es dem Jungpferd ebenfalls gut gehen. Und das ist das Wichtigste.

 

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