Zuchtziele anderer Rassen|Ein Blick über den Tellerrand

Noch gar nicht so lange ist es her, als ich zu Besuch auf einer Shire Horse Show war. Ich kann mich noch ziemlich gut daran erinnern, wie überrascht ich doch war, als ich das Gelände betrat und mich kunstvoll mit Federn und Schmuck verzierte, riesige Kaltblüter erwarteten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar hochgradig der Pferdezucht verfallen bin, bis dato aber nicht ein einziges Mal in Erwägung gezogen habe, einen Blick über den Tellerrand der Hannoveraner, Holsteiner und Co. hinauszuwerfen und mich einmal mit der Zucht anderer Rassen und dessen Zuchtzielen zu befassen. Nicht, dass ich es nicht für interessant befunden hätte, im Gegenteil. Aber ehrlicherweise war ich so zwischen Casall, De Niro und Fidertanz gefangen, dass ich schlicht und ergreifend gar nicht darüber nachgedacht habe, dass es auch bei anderen Rassen Züchter gibt, welche die Vererbung mit Hilfe von Zuchtzielen in bestimmte Bahnen lenken möchten. Und nicht nur die Zuchtziele, auch die „Rituale“ und Praktiken bei den Schauen und Prüfungen unterscheiden sich teils enorm von dem – für mich bis dato – „gängigen Modell“. An dem Tag lauschte ich also ziemlich interessiert den Ausführungen des Moderators und stellte für mich fest, dass man mit einem viel offeneren Blick durch die Welt spazieren sollte, als engstirnig seinen Blick auf die wenigen Dinge zu lenken, mit denen man bereits mehrfach in Berührung gekommen ist. Auch wenn ich – so dachte ich zumindest – immer darum bemüht bin meinen Blickwinkel zu erweitern, so hat mir die Veranstaltung doch noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass es immer auch anders geht, als man es selbst handhabt. Völlig in der Gewohnheit gefangen von weißen Reithosen, Buchstaben an dem Viereck und den Abläufen eines „normalen“ Turniers verliert man leider viel zu schnell den Blick dafür, dass sich diese Ausprägungen zwar weitesgehend durchgesetzt haben und am Häufigsten verbreitet sind, auf keinen Fall aber das „Nonplusultra“ darstellen.
Die Oakstead Shire Horse Show war für mich ein Ereignis, durch das ich zum ersten Mal einen Blick über den Tellerrand in die Zuchtziele anderer Rassen werfen konnte. Tatsächlich gibt es so viele verschiedene Rassen und so viele unterschiedliche Zuchtziele, von denen meine Wenigkeit leider so gar nichts weiß und ich bin mir sicher, dass es vielen anderen auch so geht. Selbst einen Beitrag über andere Rassen schreiben wollte ich allerdings nicht, denn letztlich wäre das auch nur eine unfachliche Wiedergabe von Daten und Fakten, die ich mir im Internet angelesen hätte. Aus diesem Grund ist die Idee eines Beitrages entstanden, bei dem nicht ich, sondern Züchter verschiedener Rassen über ihre Zuchtziele berichten können. Da ich wenig bis kaum Kontakte zu Züchtern anderer Rassen habe, ist die Sammlung bislang noch sehr überschaubar. Ich bin mir aber sicher, dass sich mit der Zeit noch weitere Züchter finden werden, die gerne über ihre Zucht und ihre Ziele berichten würden. Falls ihr euch also angesprochen fühlt: Schickt mir gerne eine Nachricht. Bis dahin bedanke ich mich bei allen Züchtern und Lesern, die mir mit ihren Erfahrungen und Bildern geholfen haben. Vielen Dank dafür !

  1. Isländer
    „Islandpferde sind Gangpferde: Neben Schritt, Trab und Galopp ist bei ihnen Tölt und Pass genetisch fixiert. Anerkannt werden nur reinrassige Ponys, bei denen keine Fremdbluteinkreuzung stattgefunden hat und dessen Abstammung bis nach Island zu den dortigen Islandpferden zurückverfolgt werden kann.
    Islandpferde zeichnen sich besonders durch ihre Robustheit und ihrem kräftigen Körperbau aus. Ein durchschnittliches Stockmaß von 1,25 bis 1,45 m und die offene und freundliche Art der Isländer macht es möglich, dass sie sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern geritten werden können. Bei den Isländern wird der größte Augenmerk auf die Gänge und die Ausdrucksstärke der Bewegungen gelegt: Nach Möglichkeit sollten sie alle fünf Gangarten taktsicher laufen. Darüber hinaus sind sie bereits von Haus aus mit sehr hohen Bewegungen ausgestattet – je mehr die Beine, besonders im Tölt, nach oben genommen werden, desto besser. Vom Charakter her soll ein Isländer freundlich, offen und mutig sein. Hinzukommt, dass er einfach zu händeln sein sollte und direkt auf Menschen zugeht. Vom Körperbau her enwickelt sich Zuchtziel besonders in letzter Zeit eher in eine filigrane Richtung: Die Pferde sollen längere Beine und einen schmaleren Torso bekommen. Hinsichtlich der Fellfarbe gibt es keinerlei Tabus. Im Gegenteil: In Anbetracht der vierzig Grundfarben, die allein für die Isländer eingetragen sind, ist eine Farbvielfalt häufig vertreten und erwünscht. Zusätzlich ist das Langhaar sehr gerne gesehen: Je dichter und länger Mähne und Schopf wachsen, desto besser.
    Isländer sind Spätzünder: Man sollte sie eigentlich erst mit fünf, allerfrühestens mit 4,5 Jahren anfangen zu arbeiten. Dabei hilft besonders das Training im Gelände, um sie in Sachen Trittsicherheit und Balance zu schulen. Angetöltet wird ein Isländer erst, wenn er die Grundgangarten gut beherrscht. Erwähnenswert sind zudem die Krankheiten Spat und das Sommerekzem, welche in der Islandpferdezucht recht häufig auftreten.“
    Laura W.

    Islandfohlen
    Foto: Vanessa Blum Fotografie
    Islandfohlen
    Foto: Vanessa Blum Fotografie

     

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    Isländer. Foto: Sina Holzberger
    Isländer
    Isländer. Foto: Sina Holzberger

     

    Isländer
    Isländer Sól frá Réttarholti. Foto: Lisa Weiss
  2. New-Forest-Ponys
    „Ein ausgesprochen vorbildlicher Charakter, Nervenstärke und die vielseitige Verwendbarkeit zeichnen diese englische Ponyrasse aus und machen diese sportlichen Ponys so beliebt. Sie sollten im Reitponytyp mit gutem Fundament stehen mit schrägen Schultern, eine kräftige Kruppe, starke Knochen, eine gute Körpertiefe, gerade Gliedmaßen und gute harte runde Hufe besitzen Die Bewegung sollte frei, aktiv und gerade, aber nicht zu übertrieben sein. Sie sollten ein ideales Temperament haben und sehr leicht zu trainieren sein. New Forest Ponys können jede Farbe haben außer Schecken und blaue Augen (Albinos). Helle Füchse (Palominos) werden nur als Stutfohlen oder Wallache akzeptiert. Weiße Abzeichen sind erlaubt gemäß den aktuellen Bedingungen für die Eintragung in das Stutbuch. New-Forest-Ponys gibt es in zwei Größen bzw. Sektionen A (118 – 137 Zentimeter Stockmaß) und B (138 bis 148 Zentimeter Stockmaß). Thorsten Gosch bestätigt einen klaren Trend zu der größeren B-Sektion bzw. hin zu den G-Ponys gehend: „Am häufigsten werden mittlerweile Ponys zwischen 145 und 148 Zentimetern nachgefragt.“
    New Forest Ponys zeigen sich in allen Disziplinen des Pferdesports hoch erfolgreich:
    In der Dressur stechen die Ponys durch Sensibilität und Durchlässigkeit hervor, überzeugen durch ihr Gangwerk und bieten einen eleganten Gesamteindruck.
    In den Springdisziplinen führen sie ihren Reiter durch Rittigkeit, Springfreude und Wendigkeit zu Siegen. Aber auch im Distanzsport bis zu 160 km, im Westernreiten, Gelände/Jagden, Schau, Zirzensik und vieles mehr, sind New-Forest-Ponys wiederzufinden. Es gibt keinen speziellen Zuchtschwerpunkt, wie beispielsweise die Donnerhall-Linie bei den Warmblütern, die eine Dressurkarriere vorgeben. Ein New-Forest-Pony kann einfach alles!
    Ihre angeborenen Tugenden von Stärke, Intelligenz, Schnelligkeit und Beweglichkeit, zusammen mit einem ruhigen und bereitwilligen Temperament machen das New Forest Pony zu einem idealen Familienmitglied. Es ist nicht nur ein Partner, es ist ein wirklicher Freund mit exzellenter gesundheitlicher Widerstandskraft, Ausgeglichenheit, Trittsicherheit du einem liebenswerten ehrlichen Charakter ausgestattet.“
    New-Forest-Pony-Züchterin Corinna Engelke
    Instagram: corinna_engelke

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    New-Forest-Pony-Züchterin Corinna Engelke. Instagram: corinna_engelke
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    New-Forest-Pony-Züchterin Corinna Engelke. Instagram: corinna_engelke

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    New-Forest-Pony-Züchterin Corinna Engelke. Instagram: corinna_engelke
  3. Haflinger
    Die Haflinger, welche primär in Bayern, Südtirol und Österreich gezüchtet werden, stechen wohl besonders durch ihre Robustheit und Gutmütigkeit hervor. Primär werden die Haflinger für landwirtschaftliche Arbeiten oder im Freizeitbereich eingesetzt, in den vergangenen Jahren entwickelte sich das Zuchtziel allerdings vermehrt in eine sportlichere und größenvererbende Richtung. „Aktuell könne man das Ziel der Haflingerzucht wohl so beschreiben, dass die Zucht eines gutmütigen, aber auch sportlichen und genügend großen Kleinpferd angestrebt wird, welches sowohl im Freizeit- als auch im Sportbereich eingesetzt werden kann und dessen Robustheit keine Einschränkungen erfährt“, so  eine erfahrene Züchterin. Eine kräftige Lendenpartie, gute Hufe und eine starke Fesselung sind Merkmale, durch die die Haflinger das Merkmal „robust“ verdienen. Im Hinblick auf die Farbgebung werden ähnlich wie bei den Friesen auch bei den Haflingern hohe Ansprüche gestellt: Absolut unerwünscht sind Beinabzeichen, Stichelhaare sowie graue oder schwarze Strähnen in Mähne und Schweif. Allenfalls Blessen und Flocken sind erlaubt. Kommt es zu Unreinheiten in der Farbgebung, kann dies zum Zuchtausschluss führen.
    M.B

    Haflinger
    Die Haflinger vom Ellenbornshof
  4. Friese
    „Die Rasse der Friesen galt ursprünglich als außerordentlich geeignet für königliche Kutschfahrten, bis sie vor etwas über 100 Jahren aufgrund einer geänderten Mode und der damit einhergehenden geringeren Nachfrage auszusterben drohte. Mit drei Hengsten gelang es den Züchtern, die Rasse nach und nach wieder zu vervielfältigen und vor dem Aussterben zu retten. Infolge der immensen Inzucht, welche die Friesenzucht in Anbetracht ihrer Geschichte erfuhr, wird seitdem ein Inzuchtfaktor für jedes rasseangehöriges Pferd berechnet und in seinem jeweiligen Papier angegeben. Trotz dieses Faktors wurde nach der Einkreuzung von Spaniern vor mehreren Jahrzehnten kein fremdrassiges Blut mehr eingekreuzt. Stattdessen wird auf die Reinzucht ohne Fremdbluteinkreuzung gesetzt.
    Das primäre Augenmerk der Friesenzucht liegt in der Farbgebung: Ausschließlich Rappen ohne Abzeichen an den Beinen und am Kopf sind erwünscht. Ein Stern wird geduldet, unerwünscht ist er jedoch trotzdem. Zu den besonderen äußeren Merkmalen eines Friesen zählen zudem das üppige Langhaar und der Kötenbehang. Was die Größe anbelangt, hat sich die Friesenzucht in den vergangenen Jahren den sportlichen Ambitionen der Kaufinteressenten angepasst. So müssen die Hengste mindestens eine Größe von 1,58m haben, um zur Körung zugelassen zu werden.  Der hoch angesetzte Hals und die starke bemuskelte und gut gewinkelte Hinterhand führen dazu, dass die Friesen besonders in der hohen Schule sehr gefragt sind. Ein besonderes Merkmal der Friesenzucht ist wohl die starke Selektion, welche bei den Deckhengsten durchgeführt wird. Die Körung der Junghengste stellt bereits eine hohe Hürde mit wohl strengeren Anforderungen dar, als es in der Warmblutzucht der Fall ist. Spezifisch sind jedoch vor allem die jährlichen Wiederholung, bei denen sich die Hengste ihre Deckzulassung für die anstehende Saison abholen müssen. Meist müssen sich die Hengste insgesamt fünf Jahre lang der Kommission stellen, bis der erste Fohlenjahrgang drei Jahre alt ist. Wird ein Jahrgang für nicht gut befunden, kann dem Hengst jederzeit sein Körtitel wieder entzogen werden. Eine solche Folge droht auch, wenn sich herauskristallisiert, dass ein Hengst die Farbe „braun“ vererbt. Zwar ist dies sehr untypisch, sollte es aber doch einmal dazu kommen, wird dem Hengst die Deckzulassung entzogen.“
    Clarissa W.

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    Friesenwallach Enno von Clarissa W. Foto: Jeanette Fritz Perspectives

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    Friesenwallach Enno von Clarissa W. Foto: Jeanette Fritz Perspectives
  5. Shire Horse
    „Shire Horses gehören mit einer Durchschnittsgröße von 1,78m zu der größten Pferderasse der Welt. Hinsichtlich ihrer Zuchtziele legen Züchter viel Wert auf äußere Merkmale und die Ausprägungen des Körperbaus. So zeichnet sich ein Shire Horse durch eine breite Brust und einem gleichmäßig runden, wohlgeformten Hintern aus. Zudem wird wert auf große Nüstern und große, freundliche Augen gelegt, eine Ramsnase ist okay, sollte jedoch nicht zu stark ausgeprägt sein. Ähnlich wie bei den Haflingern und den Friesen haben auch die Shire Horse-Züchter eine genaue Vorstellung davon, wie die Fellfarbe und die Abzeichen auszusehen haben. Um auf einer Schau die führenden Ränge zu belegen sollte ein Shire Horse vier gleichmäßig hoch gezeichnete, weiße Beine und eine große breite Blesse aufweisen, Flecken am Bauch und in anderen Körperregionen werden stattdessen von der Beurteilungskommission kritisiert. Am Häufigsten sind die Farben braun, dunkelbraun und schwarz vertreten. Vereinzelt treten Schimmel und Fuchs auf, wobei letzteres jedoch als eindeutig unerwünscht gilt.“
    A.H in Anlehnung an die Moderation der Oakstead Shire Horse Show 2017

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    Oakstead Shire Horse-Show in Seulingen

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    Was mich bei dem Austausch mit den Züchtern wohl am Meisten überrascht hat ist, dass sich auch bei anderen Rassen der Trend hin zu sportlicheren, größeren Pferden entwickelt. Sei es bei den Isländern, den Friesen oder den Haflingern: Die Zuchtziele tendieren nach und nach in eine sportlichere, größenvererbende und edlere Richtung. Spannend zu lesen, dass diese Leistungsorientierung nicht nur bei den Warmblütern vorherrscht, sondern auch nach und nach in anderen Rassen durchschlägt.
    Nun aber zu meinem Schlusswort: Mir hat es sehr viel Freude bereitet, mich mit Züchtern anderer Rassen auszutauschen und kleine Einblicke in deren Vorgehensweise zu gewinnen. Meine wohl wichtigste Erkenntnis: Um welche Rasse es sich auch handelt, letztendlich sind alle Züchter durch ihre Leidenschaft zum Pferd verbunden und sie alle verfolgen das Ziel, durch eine wohlüberlegte Vorgehensweise die Vererbung der Pferderassen in bestimmte Richtungen zu lenken und zu verbessern. Wie genau die Ziele dabei aussehen und welche Art von Schmuck und Equipment sie als am Vorteilhaftesten ansehen, ist dabei völlig egal. Wichtig ist lediglich, dass wir alle immer mit Spaß und Freude dabei sind und wir zu jedem Zeitpunkt im Sinne unserer Pferde nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Ich hoffe, euch hat der kleine Einblick in die Zuchtziele anderer Rassen gefallen 🙂
    Auch hier nochmal: Ein großes Dankeschön an alle Züchter, Fotografen und Interessierte, die mir Text und Bild zur Verfügung gestellt haben! 🙂

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