Der Alltag eines Züchters

  1. Besamung und Geburtenüberwachung
    Züchten ist eine Regelmäßigkeit: Die meisten Abläufe wiederholen sich in jedem Jahr und während die eine Zuchtsaison noch in vollem Gange ist, wird bereits der Grundstock für die nächste Saison gelegt. Eingeläutet wird eine Saison durch den Züchter, in dem er die Stuten von dem Tierarzt besamen lässt. Je nachdem wie viele Stuten ein Züchter besitzt, kann es in der Hochsaison schon mal vorkommen, dass man über mehrere Wochen hinweg nahezu täglich Besuch vom Doktor bekommt. Hintergrund der vielen Besuche ist zum einen die Vorbereitung der Besamung durch die Tupferprobe; die Untersuchungen, wie weit die Stute in der Rosse voran geschritten ist; die Besamung selbst; die Untersuchungen die Tage darauf, ob der Zeitpunk gelungen ist oder möglicherweise noch einmal nachbesamt werden muss und schlussendlich die Kontrolltermine knapp zwanzig Tage später. In Anbetracht der unterschiedlichen Zyklen der Stuten passiert es dementsprechend schnell, dass man nahezu täglich einen Tierarzt benötigt, um eine optimale Besamung zu gewährleisten und die Chance auf eine Trächtigkeit zu erhöhen. Hat die Stute einmal nicht aufgenommen, beginnt das Spiel sechzehn bis zwanzig Tage später von vorne. Ihr seht: Zumindest in den Monaten Februar bis Mai ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Züchter den frühen Vormittag für die täglichen Stutenkontrollen reserviert. Neben den Besamungen werden  ggf. auch noch Fohlen aus dem Vorjahr erwartet, was eine rund-um-die-Uhr Überwachung erfordert. Die Nächte werden größtenteils vor dem Überwachungsmonitor verbracht und auch der ein oder andere Kontrollgang lässt sich trotz kühler Temperaturen und einer unsittlichen Uhrzeit nicht vermeiden. Am Tage müssen die noch tragenden Fohlen und die Stuten mit ihren Fohlen natürlich auf die Wiese gebracht oder – bei schlechtem Wetter – in der Halle laufen gelassen werden. Etwas, was selbstverständlich sein sollte, vom Zeitfaktor her jedoch nicht unterschätzt werden darf. Besonders in der ersten Zeit nach der Geburt sind die Fohlen noch zu schwach, als dass man sie guten Gewissens den Witterungsbedingungen auf der Wiese aussetzen kann. Stattdessen werden die jungen Racker vorerst in der Halle laufen gelassen, damit sie sich mit ihren Müttern einspielen können, bei den ersten Bruchlandungen weich landen und der Züchter sie rechtzeitig wieder reinholen kann, bevor sich die junge Mutter und ihr Fohlen vor Aufregung und Freude verausgaben.
  2. Aufzucht und Ausbildung der „Ehemaligen“
    Neben den Fohlen hat man als Züchter natürlich meist mindestens eine Handvoll „Ehemalige“. Fohlen, die in den Vorjahren geboren wurden und nun groß werden. Dass sämtliche Pferde täglich kontrolliert, versorgt und gefüttert werden müssen, versteht sich von selbst. Bei den Teenies kommt zusätzlich allerdings noch das tägliche Erziehungs- und Wellnessprogramm hinzu. Verwilderte, halbstarke Jungpferde ist nämlich häufig das Letzte, was man als Züchter und Ausbilder haben möchte, wenn es an die Phase des Anreitens geht. Wo wir auch schon direkt beim nächsten Thema wären: Nicht alle gezüchteten Fohlen finden im Absetzeralter ihren Weg in ein neues Zuhause. Stattdessen verbleibt ein Teil der Racker beim Züchter, die natürlich zwecks Verkauf später auch angeritten und ausgebildet werden müssen. Angenommen man behält nur zwei Fohlen pro Jahrgang und verkauft sie Ende fünfjährig, so bedeutet dies, dass man mindestens sechs Jungpferde, also zwei aus jedem Jahrgang, nahezu täglich zu bewegen hat. Was viele unterschätzen: Das Ausbilden ist nicht mal so eben gemacht. Besonders die Anfangszeit der Ausbildung erfordert viel Zeit. Gar nicht unbedingt, weil man die jungen Pferde stundenlang arbeitet, sondern vielmehr aus dem Umstand heraus, dass die Vor- und Nacharbeit mit einem noch unsicheren Dreijährigen vielmehr Ruhe und Zeit erfordert, als es bei einem Fünfjährigen der Fall ist. Zusätzlich zu den drei- bis fünfjährigen Jungspunden kann es hin und wieder natürlich auch einmal vorkommen, dass man einen Hengst zur Körung, zum Freispringen oder eine Stute zur Stutenleistungsprüfung vorstellen möchte. Dies bedeutet wiederum, dass man frühzeitig – teils bereits zweijährig – damit anfangen muss, sie vorsichtig anzulongieren und sie zumindest locker an das Freispringen heranzuführen. Freispringen: Ebenfalls ein wichtiger Bestandteil im Alltag des Züchters. Letztendlich kann die Abstammung nämlich noch so gut sein: Wenn ein Pferd nicht springen kann, nützt das Papier auch nichts. Teils einmal pro Woche wird ein ganzer Vormittag geblockt, um die Jungspunde  allesamt Freispringen zu lassen. Bei alten Hasen sicherlich eine Sache, die „schnell“ erledigt ist. Nicht jedoch bei jungen Pferde, bei denen man in Anbetracht ihrer Unsicherheit und der fehlenden Routine natürlich doppelt darauf achten muss, dass sie ausschließlich positive Erfahrungen am Sprung sammeln.
  3. Das Wellness- und Bewegungsprogramm der Zuchtstuten
    Nicht vergessen werden dürfen die Zuchtstuten, die ebenfalls im Sommer locker mitgeritten werden. Warum? Unter den Zuchtstuten befinden sich größtenteils ebenfalls selbstgezogene Jungspunde, die ein bis drei Fohlen bekommen und im Anschluss als „nicht viel gerittenes, aber mit einem großen Vermögen ausgestattetes Reitpferd“ an einen Endplatz verkauft werden. Im Hinblick auf den Verkauf ist man natürlich darauf bedacht, die Phase des „Nichtgeritten“ möglich gering zu halten und das Ausbildungsniveau – sofern es im Rahmen der Trächtigkeit möglich ist – zu steigern. Zusammen mit dem Aspekt, dass geschmeidige und halbwegs gut bemuskelte Stuten es bei der Geburt wesentlich einfacher haben, legen wir deshalb wert darauf, die Zuchtstuten im Rahmen des Möglichen zu  bewegen. Keine schlechte Sache, fördert das Kugelbauchschuckeln doch auch das Wohlbefinden und „Glücklichsein“ der Damen. Wo wir wiederum beim nächsten, sehr wichtigen Punkt angekommen wären: Auch wenn die Zuchtstuten und Jungspunde ihre Freizeit genießen sollen, so ist ein gewisses Pflegestandard ein Muss. Heißt, dass man bei einer Handvoll Zuchtstuten und diverser Nachzucht manchmal auch gut und gerne einen halben Tag beschäftigt ist, bis man alle Damen und Racker im Hinblick auf ihre Frisuren und ihre Huf- und Fellpflege auf Vordermann gebracht hat. Einmal pro Woche ist deswegen Wellnesstag angesagt, bei dem fleißig die Bürsten geschwungen werden.
  4. Der Hufschmiedtermin
    Nun hätten wir die täglich bis wöchentlich wiederkehrenden Dinge größtenteils abgeharkt. Weitere Regelmäßigkeiten, wie der Hufschmiedtermin und der Zahnarzttermin reihen sich ein, die jedoch in größeren Abständen eingeplant werden können. Die regelmäßige Korrektur ist essenziell für ein korrektes Fundament, anders als bei einem Großpferd ist die Hufbearbeitung bei den kleinen Rackern aber meist nicht „mal eben schnell“ gemacht. Wie auch unter dem Sattel bedarf der Umgang mit den Jungspunden eine gewisse Extraportion Zeit und diese sollte man sich besonders bei so wichtigen und immer wiederkehrenden Terminen wie die Hufbearbeitung nehmen. Natürlich ist es ratsam, das Hufegeben und Stillstehen im Vorfeld zu üben: Letztlich können die Kleinen aber noch so gewillt sein, alles richtig zu machen: Sie werden dennoch nicht die Beständigkeit eines Großpferdes aufweisen, was schon allein ihrer gering ausgeprägten Balance zuzuschreiben ist. Alle sechs Wochen sind also ein bis zwei Personen je nach Größe des Zuchstalles einen ganzen Tag damit beschäftigt, kleine Racker festzuhalten, Jährlingen zu helfen, die Balance zu halten und dem Hufschmied die nötigen Werkzeuge anzureichen.
  5. Auktionen, Körungen, Stutenleistungsprüfungen & Mehr
    Zu guter letzt kommen die punktuellen, dafür aber umso zeitaufwendigeren Tätigkeiten eines Züchters hinzu: Stuteneintragungen ins Hauptstutbuch, Fohlenschauen, Brenntermine, Auswahltermine für die Auktion, Fototermine und die Auktion selbst, Stutenleistungsprüfungen, Freispringwettbewerbe, Körungen und die Fahrten zu den Deckstationen, um Samen an Feiertagen abzuholen oder die Stute zur TG-Besamung zu bringen: All dies sind Termine, die in der Hochphase der Zucht – also meist von Februar bis Juli – fröhlich den Kalender füllen. Hat man eine Decksaison noch nicht miterlebt, mag man sich vermutlich nicht vorstellen, wie oft ein Züchter im Frühjahr entweder seine Stuten mit Fohlen oder eine Spermabox durch die Gegend schippert. Angenommen man hat „nur“ fünf Zuchtstuten mit Fohlen, so fährt man im besten Fall mit allen fünf Fohlen mindestens einmal zu einem Auswahltermin, einmal zu einem Fototermin und einmal zur Auktion, welche meist ein bis drei Tage dauert. Schwuppdiwupp sind zwanzig Tage (5 mal Auswahltermin, 5 mal Fototermin, 5 mal Auktion a 2 Tage) schon mal vollständig geblockt. Wird ein Fohlen nicht angenommen, kann es natürlich zu weiteren Auswahlterminen kommen. Nun müssen die Stuten besamt werden: Hat man Hengste ausgewählt, die per Frischsamen vermarktet werden, so hat man es relativ „einfach“ und kann die Besamungen – wie oben beschrieben – bei den täglichen Tierarztkontrollen mit abhandeln. Hat man jedoch Stuten dabei, bei denen man sich für einen Hengst entschieden hat, dessen Samen ausschließlich als TG-Sperma vertrieben wird, fährt man die Stute im besten Falle in eine Klinik, welche sich auf die Besamung von Stuten spezialisiert hat oder direkt zu den Deckstationen, die häufig neben der Hengsthaltung auch eine Besamungsstation führen. Heißt für Züchter, die nicht in der Oldenburger Pferdezuchthochburg leben, dass man im Schnitt 3-5 Stunden pro Strecke, also insgesamt 6-10 Stunden fährt, um die Stute abzuliefern und sie dann – wenige Tage später – wieder abzuholen. Mit Verladen und den Formalitäten vor Ort kann so schon mal gut und gerne ein Sonntag eingenommen werden.
  6. Die Organisation im Hintergrund
    Apropos Formalitäten: Neben den Aktivitäten im Stall darf natürlich der Papierkram nicht vergessen werden. Sei es für Besamungen in der Klinik oder für eine Vorstellung zur Auktionsauswahl: Bei nahezu allen Aktivitäten müssen Anmeldungen vorgenommen werden. Gleiches gilt für die Vermarktung: Um seine Fohlen und Reitpferde zu bewerben, muss in regelmäßigen Abständen neues und hochwertiges Foto- und Videomaterial angefertigt werden. Mit der Vorbereitungen des Pferdes, dem Filmen, dem späteren Bearbeiten und Hochladen und der Formulierung von Verkaufsanzeigen und/ oder Emails geht dabei pro Pferd mindestens ein halber Tag ins Land. Am wohl Zeitintensivsten ist allerdings die Kommunikation mit möglichen Kaufinteressenten im Anschluss. Anfragen müssen beantwortet werden, es werden Telefonate geführt, Termine fürs Probereiten wahrgenommen, Ankaufsuntersuchungen getätigt, um das Pferd schlussendlich (hoffentlich) in liebevolle Hände zu übergeben. Sind diese Punkte erledigt, wird die restliche Zeit genutzt, um die Hengstauswahl für die kommende nächste Decksaison zu treffen, möglicherweise Hengstschauen zu besuchen und über Vererbungen und Anpaarungen zu grübeln. Eine tolle Sache, bei der man sehr, sehr, sehr gut die Zeit aus den Augen verlieren kann 🙂

    So viel also zu dem Alltag eines Züchters. Ich bin mir sicher, dass mir im Laufe der nächsten Tage noch die ein oder andere essenzielle Sache einfallen wird, die ich vergessen habe zu erwähnen. Für einen kleinen Überblick in groben Zügen reicht es aber hoffentlich. Mehr vom Alltag eines Züchters gibt es auf dem Instagramaccount alisa_1996 zu sehen.

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