Groß, größer, am Größten | Zuchtziel überdenken?

Zeit für eine neue Diskussionsrunde🌸 Auch wenn ich immer noch damit beschäftigt bin, mich mit den Basics der Pferdezucht vertraut zu machen, so habe ich doch eines recht schnell gelernt: Die Größe spielt in der Zucht und vor allem beim späteren Verkauf eine wesentliche Rolle. Ist man im Besitz einer „kleineren“ Stute – und damit meine ich kein Kleinpferd, was gerade so das Endmaß überschritten hat, sondern eine 1,65-Stute – so ist es fast ein geschriebenes Gesetz, dass man hierauf einen „größevererbenden“ Hengst einzusetzen hat. Hat man nun ein Fohlen gezogen, welches eher zu der zierlicheren Fraktion gehört, so ist dies oftmals das Aus für eine gewinnbringende Vermarktung. Frei nach dem Motto “ Je größer, desto besser“ wird eine mangelnde Größe sowohl auf Fohlenschauen als auch auf Vorauswahlen für Auktionen vehement kritisiert. Teils reicht die Kritik sogar so weit, dass die Größe als Ausschlussgrund für eine Auktionszulassung herangezogen wird oder die Verkaufschancen trotz vorhandener Qualitäten gen Null geredet werden. Für mich vollkommen unverständlich, gehöre ich doch selbst mit meinen 1,67m zu den Reitern, welche froh sind über jedes zierliche, kompakte Pferd unter dem Sattel. Warum? Ganz einfach: Die Pferde können noch so artig sein, wenn ich zum Trensen einen Hocker brauche und ohne Leiter nicht erkennen kann, ob die Sattellage des Pferdes ordentlich geputzt ist, so verliere ich in wenigen Atemzügen den Spaß an dem, was ich tue. Natürlich ist dieses Empfinden vollkommen subjektiv und es gibt vermutlich zahlreiche kleine Geschöpfe wie mich, die ihr Herz an unsere vierbeinigen Riesen verloren haben. Ebenso ist es natürlich unumstritten, dass große Pferde benötigt werden: Machen wir uns nichts vor, die Menschheit wird größer und die Beine länger. Dass wir unsere großgewachsenen Männer und Frauen nicht allesamt auf 1,64-Pferde setzen können, ohne dass sie ihre Beine unter dem Bauch zusammenknoten können, ist mir durchaus bewusst. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass ich mit meinem Empfinden nicht allein bin auf der Welt und man eine gewisse Vielfalt an Größen wahren sollte. Bestätigt wurde ich vergangene Woche, als ich auf meinem Instagramaccount alisa_1996 zu einer kleinen Diskussionrunde aufrief. Ich bat die Leser darum, mir einmal mitzuteilen, welche Größe sie bei ehorses.de eintippen, wenn sie abends heimlich nach ihrem Traumpferd suchen. Tatsächlich war die Resonanz riesig. Vom kleinen Pony, über Haflinger, bis hin zum Riesenelch waren alle Vorlieben vertreten, besonders häufig wurden aber tatsächlich die Pferde um die 1,65m genannt. Warum ich diese Diskussionsrunde ins Leben rief? Ich konnte und kann mir einfach nicht vorstellen, dass die „1,64-Pferde“ von der Käuferschaft wirklich so stiefmütterlich nachgefragt werden, wie es manch namenhafte Größe im Reitsport verlauten lässt. Sei es als Umsteigerpferd für die kleine Tochter, als Nachwuchspferd für die klein gebliebene junge Frau oder als Partner im Freizeitbereich: Kleinere Pferde haben ihre Vorteile, insbesondere im alltäglichen Händling. Gleiches gilt für das Reiterlebnis unter dem Sattel: Natürlich kann man Rittigkeit und Reitgefühl nicht an der Größe eines Pferdes festmachen. Dennoch bleibe ich dabei, dass es einem zarten Reiter mit einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit auf einem kompakten, kleineren Pferd leichter fällt, es beisammen zu halten, als ein 700kg-Gerät. Ich höre schon die Stimmen, die nun rufen, dass dies doch allenfalls ein Rittigkeitsproblem sei und nicht mit der Größe zusammenhänge. Und man als Züchter doch lieber daran arbeiten sollte, auch die Schiffe unter den Pferden genügend Rittigkeit mitzugeben, damit man dieses Problem nicht habe. Dazu nur so viel: Züchter können die Rittigkeit eines Pferdes fördern, das Reiten können sie den Reitern aber nicht abnehmen. Große Pferde= größere Masse, die man sich an die Hilfen reiten muss. Da führt kein Weg dran vorbei.

Die Umfrage hat eine wahnsinnige Vielfalt an gewünschten Größen hervorgebracht und genau diese Vielfalt ist es, welche nach dem heutigen Zuchtziel nicht mehr angestrebt wird. Stattdessen wird auf Größe gezüchtet, was auf lange Sicht möglicherweise bedeutet, dass uns die 1,64m-Pferde ausgehen, sofern die Züchter gute Arbeit leisten. Zukunftsmusik, dessen Eintritt man heute schwer abschätzen kann, aber auch im Hier und Jetzt zeigt das Zuchtziel seine Wirkung. Sei es auf der Auktion, bei der Fohlenschau oder beim Verkauf: Die mangelnde Größe ist für einen Züchter eine nicht unbeachtliche Hürde. Ähnlich wie bei dem Aspekt der rittigen und bedienbaren Pferde (Ich verlinke euch den Beitrag einmal hier) scheint es mir in Anbetracht der vielen Kommentare “ Pro-164-Pferd“, als würde auch hinsichtlich der Größe ein Zuchtziel angestrebt werden, welches nicht zur herrschenden Nachfrage passt. Auch hier wieder das Problem: Fohlen verkauft man vorwiegend an Hengstaufzüchter, Deckstationen und Ausbilder, Endverbraucher sind auf dem Fohlenmarkt jedoch rar gesät. Bedingt durch die finanziellen und logistischen Hintergründe, welche einen Hobby-Züchter gewissermaßen dazu zwingen, Nachwuchspferde bereits im Fohlenalter zu verkaufen, werden dementsprechend die Zuchtziele verfolgt, welche von der genannten Käuferschaft gefragt werden. Sprich „spektakulär vor artig“ und eben auch „groß vor klein“. Ein völlig legitimes Verhalten – passt man sich doch in so vielen Bereichen des Lebens der Nachfrage an, um überlebensfähig zu sein. Nur dass die Hengstaufzüchter und Deckstationen eben nicht die breite Nachfrage darstellen, man die Zucht aber primär an deren Interessen ausrichtet, weil man sich von ihnen den – zur weiteren Finanzierung des Hobbys Zucht – erforderlichen, kostendeckenden Betrag erhofft. Zu Lasten der großen Nachfrage in Form der „Otto-Normal-Verbraucher“, von denen ein großer Teil eben lieber auf ein Quantum Galoppade verzichtet, als beim Satteln einen Hocker zu benötigen.

Was nun tun? Wie bei so vielen anderen natürlichen Prozessen auch ist eine Entwicklung der Durchschnittsgröße eines Warmblutes vermutlich erst in mehreren Jahren zu entdecken, wenn es überhaupt dazu kommen sollte. Für den Moment würde ich mir dennoch wünschen, dass die Größe wieder etwas mehr hinter den anderen Qualitätsmerkmale eines Pferdes zurücktritt und die Vielfalt stattdessen wertgeschätzt wird. Es ist meines Erachtens nicht gerechtfertigt, kleinere, aber gleichermaßen qualitätsvolle Fohlen hinter größeren Fohlen in der Beurteilung zurückzustellen. Dann doch lieber einmal mehr den Blick auf Fehlstellungen wenden, anstatt ein Merkmal wie die Größe, welche von den Verbrauchern in einer breit gefächerten Vielfalt gefragt wird und man dementsprechend nicht viel falsch machen kann , zu viel Bedeutung beizumessen.

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