Das Absetzen der Fohlen

Es ist Anfang Oktober: Für den Großteil der in diesem Jahr geborenen Fohlen heißt es nun, Abschied von ihren Mutterstuten zu nehmen. Was hart klingt ist letztlich nur der Lauf der Natur: Wenn man es ganz genau nimmt, hat der Abnabelungsprozess bereits vor Wochen begonnen und die nun folgende, von Menschenhand hervorgerufene, räumliche Trennung ist nur noch der finale Schritt eines langwierigen, natürlichen Prozesses. Aber von vorne: Auch wenn ich mich mit dem Absetzen mal wieder einer Thematik nähere, die nicht unumstritten ist, so möchte ich den heraneilenden Herbst doch dazu nutzen, die Vorgehensweise des Absetzens und meine Erfahrungen damit zu erläutern. Anders als viele es meinen, handelt es sich bei dem Absetzen jedoch nicht um einen Akt von wenigen Minuten. Stattdessen findet man die Anfänge dieses Abnabelungsprozesses zeitlich bereits wenige Wochen nach der Geburt, weshalb ich auch in diesem Beitrag getreu dem Detail etwas weiter ausholen möchte. Vorab sei gesagt: Auch wenn ich hier eine der „sanfteren“ Methoden beschreibe, heißt es nicht, dass ich mit diesem Beitrag zugleich Kritik an der „Kurz-und-Schmerzlos-Methode“ üben möchte, welche vielerorts praktiziert wird. Im Gegenteil: Auch wir haben Fohlen schon in dieser Form von ihren Müttern getrennt und es wäre falsch von mir, wenn ich sagen würde, dass das eine oder andere besser sei. Stattdessen haben beide Methoden – so mein Empfinden – ihre Vor- und Nachteile.  Letztlich ist es aber wie beim Menschen auch vollkommen vom individuellen Mutter-Fohlen-Paar abhängig, welche Art der Trennung als „stressiger“ empfunden wird. Da gibt es zum einen diejenigen, die ihr Pflaster lieber einmal schnell und kräftig abreißen und dann gibt es die Sorte Mensch, die Stück für Stück dran rumknibbelt, bis es endlich ab ist. Zugegebenermaßen kann man weder Mutterstute noch Fohlen fragen, was ihnen lieber ist. Letztlich überlebt aber auch der „Ich-Knibbel-mein-Pflaster-lieber-langsam-ab“-Mensch, wenn die Arzthelferin es ohne Ankündigung abreißt. Kurz: Haben die Fohlen ein bestimmtes Alter und einen bestimmten Entwicklungsgrad erreicht, ist das Absetzen ein Lebenseinschnitt, der vielleicht für alle Beteiligten im ersten Moment aufregend und stressig ist, letztlich aber dazugehört und absolut verkraftbar ist, unabhängig davon, in welcher Form sie abgesetzt werden.

Ich bin ehrlich: Auch ich musste schlucken, als ich das erste Mal die finale Trennung von Mutterstute und Fohlen miterlebte. Nicht, weil es so brutal und herzlos von statten geht, sondern vielmehr aus dem Umstand heraus, dass man es ein Stück weit mit seiner eigenen Beziehung zur Mutter oder zum Vater vergleicht und man es sich berechtigterweise als unvorstellbar schmerzhaft vorstell, von ihnen für längere Zeit oder auch für immer getrennt zu werden. Das man derartige Bedenken hat ist keinesfalls verwerflich und sogar berechtigt: Denn egal wie sanft man das Absetzen gestaltet und wie behutsam man dabei vorgeht, bleibt es letztlich eine Trennung, welche im ersten Moment zu einem gewissen Unwohlsein, einer Aufregung, Hilflosigkeit und sicher auch der einen oder anderen Portion Trauer führen wird. Diese Dinge kann ich nicht bestreiten und möchte es auch nicht, denn das ist nicht meine Intention mit diesem Beitrag. Auch werde ich nicht bestreiten können, dass ich immer ein wenig „mitleide“, wenn es soweit ist und die kleinen Racker endgültig von ihren Mamas getrennt werden. Und dennoch, trotz dieser Begleiterscheinungen bin ich fest davon überzeugt, dass das Absetzen nicht ohne Grund regelmäßig praktiziert wurde und in Zukunft auch noch wird.

Grund dafür ist der natürliche Prozess, welcher sich hinter dem Absetzen versteckt. Anders als es besonders Nichtreiter vermuten, ist das Absetzen kein Abschnitt, der vollständig künstlich vom Menschen hervorgerufen wird. Stattdessen erleichtern die Züchter mit ihrer Vorgehensweise allenfalls einen ohnehin von der Natur so vorgesehenen Ablauf. Was ich damit sagen möchte: Die Fohlen gewinnen auch ohne uns Menschen an Unabhängigkeit und Selbstständigkeit und entfernen sich Schritt für Schritt von ihren Mutterstuten. Gleiches gilt für die Zuchtstuten: Mit der Zeit akzeptieren auch sie den immer größer werdenden Abstand zwischen sich und ihrem Fohlen und entlassen sie stückchenweise hinaus aus ihrer behutsamen, mütterlichen Obhut, hinein in die eigene Verantwortung. Beschäftigt man sich täglich mit den Fohlen, lässt sich dieser Vorgang nicht leugnen: Betritt man im September die Wiese, trifft man in den meisten Fällen kaum noch ein Fohlen bei der Mutter an. Stattdessen tümmeln sich die Kleinen in irgendeiner Ecke der Wiese umher, spiele, toben und treiben Unfug, immer in der Hoffnung, nicht von ihren 200 Meter entfernten Muttis erwischt zu werden. Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, diesbezüglich noch ein nettes kleines Beispiel: Es ist knapp zwei Jahre her, als ich Mutterstute mitsamt Fohlen zum Reiten nach Hause holen wollte. Kurz vor dem Ziel war der kleine Racker der Meinung, dass es total öde ist, mit der Mama nach Hause zu watscheln, schließlich hat er doch mit seinen Kumpels gerade richtig viel Spaß zusammen auf der Wiese gehabt. Ihr ahnt vermutlich schon was kommt: Der Kleine machte auf dem Absatz kehrt und spurtete los zurück zu der Wiese, welche sich wohlgemerkt 400m entfernt und nicht mehr in Sichtweite befand. Im vollen Galopp, mit wackelnden Ohren und einem kleinen Schwänzchenwackler als Abschiedsgruß für Mutti und mich. Kurz: Mutterstute und Fohlen entfernen sich mit der Zeit voneinander und gewissermaßen kann man sagen, dass sie sich selbst absetzen.  Wer das Absetzen also als etwas völlig weltfremdes und „nicht tiergerechtes“ abstempelt, verkennt, dass dies ein völlig normaler natürlicher Prozess ist. Wir Menschen übernehmen hierbei lediglich die Rolle, diesen Prozess zu fördern, ein Stück weit abzumildern und schlussendlich die finale räumliche Trennung herbeizuführen.

Natürlich gibt es Züchter, die ihre passive Rolle vollkommen falsch erfassen und in diesen natürlichen Prozess störend eingreifen, in dem sie Mutterstute und Fohlen zu früh, ohne die erforderliche Entwicklung des Fohlens, voneinander trennen. In diesem Falle hat das Absetzen nichts mehr mit einer Förderung und Abmilderung zu tun, stattdessen wird eine Entwicklung gehemmt, die von der Natur nicht ohne Grund als notwendig erachtet wird. Diese Gruppe von Menschen stellt aber Gott sei Dank die Ausnahme dar, liegt es doch auch in dem Interesse der Züchter, ein gesundes, glückliches und gut entwickeltes Fohlen aufwachsen zu sehen. In diesem Zuge hat sich bereits vor Jahren die „Sechs-Monats-Grenze“ herauskristallisiert. Natürlich ist jedes Fohlen individuell und es ist nicht möglich, die Entwicklungsstände der Zöglinge zu vereinheitlichen. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass der Großteil der Fohlen im Alter von sechs Monaten sowohl vom Abnabelungsprozess als auch vom Entwicklungsstand her soweit sind, von ihren Mutterstuten getrennt zu werden. Ist man im Besitz eines Fohlens, welches zu früh geboren wurde, Entwicklungsdefizite aufzeigt oder generell noch nicht den Eindruck macht, selbstständig genug zu sein, um allein zurecht zu kommen, sollte der Zeitraum natürlich angepasst werden. Im Großen und Ganzen sind sechs Monate jedoch ein Richtwert, mit dem man sich sehr sicher sein kann, dass man das Fohlen nicht zu früh von der Mutter trennt.

Wir bereits oben geschrieben kann man die Fohlen natürlich auch auf das Absetzen vorbereiten. Da wir einen sehr engen Kontakt mit unseren Zuchtstuten und Fohlen pflegen, gehört es bei uns dazu, dass wir die Stuten auch mit Fohlen bei Fuß regelmäßig betüddeln, longieren oder reiten. Dadurch bietet es sich für uns an, den Fohlen den einen oder anderen Erfahrungswert mitzugeben und ihnen so das spätere Absetzen zu erleichtern. Wie oben dargelegt handelt es sich hierbei aber lediglich um kleine Extras. Wenn man sowieso stetig mit den Stuten und Fohlen beschäftigt ist, kann man die kleinen Racker auch von anfang an auf die Trennung vorbereiten. Das heißt aber eben nicht, dass es zwangsläufig notwendig oder besser ist. Stattdessen werden die Fohlen- wie oben beschrieben – auch ohne unsere menschliche Hilfe von Natur aus auf die finale Trennung vorbereitet.

 

Wie bereits des Öfteren beschrieben wachsen unsere Stuten und Fohlen nicht fernab von jeglichem Menschenkontakt auf, stattdessen werden sie von klein auf an uns Zweibeiner gewöhnt, bekommen die erste Portion Erziehung mit auf den Weg gegeben und lernen, alltägliche Abläufe kennenzulernen und zu akzeptieren. So ist es für die kleinen Racker bereits wenige Wochen nach der Geburt Gang und Gebe, für einen gewissen Zeitraum von der lieben Mama getrennt zu sein. Nicht, weil wir sie explizit daran gewöhnen möchten. Stattdessen bringt es das Training der Mutterstuten mit sich, dass eine „Trennung auf Zeit“ eingeführt wird. Den Anfang macht immer eine kurzweilige Trennung, wenn wir die Mutterstuten für ihr Wellness- und Bespaßungsprogramm alleine aus der Box holen, anstatt das Fohlen wie gewohnt auf das Abenteuer „Stallgasse“ mitzunehmen. Damit sowohl Mutterstute als auch Fohlen lernen, dass diese Form der Trennung keinesfalls schlimm ist, binden wir die Stute die ersten Male immer noch vor der Box an, um Sicht- und Nüsternkontakt von Mama und Fohlen zu gewährleisten. Besonders für die Stuten empfand ich diese Vorgehensweise immer als sehr sinnvoll, weil sie hierdurch recht schnell lernen, dass ihr Fohlen in der sicheren Box verbleibt und dort wartet, bis sie wiederkommen. Beobachtet man die Stuten einmal auf der Wiese, so reagieren sie meist mit einer gewissen Nervosität, wenn sich die Fohlen aus dem Schutz von Mamas Rockzipfel entfernen und auf Erkundungstour gehen. Haben sie doch so im Falle einer Gefahr keine Möglichkeit, die kleinen Dreikäsehoch zu beschützen. Wissen sie allerdings, dass das Fohlen bei jeder Trennung in der sicheren Box verbleibt, welche sie bereits seit Jahren kennen und als Ort der Ruhe und des Wohlfühlens abgespeichert haben, so fällt es den Stuten um einiges leichter, ihre Schützlinge „zurückzulassen“. Tatsächlich sind es meist nur die ersten ein  bis zwei Tage, an denen die Mutterstuten den Fohlen aufgeregt zuwiehern. Spätestens am dritten Tage wissen sie die Ruhe – so zumindest meine Erfahrungen – zu schätzen und genießen die Zeit, ohne von einem kleinen Racker abwechselnd in Bauch, Beine und Po gebissen zu werden. Mit der räumlichen Trennung ist also der erste Schritt gemacht, auf den wir in den folgenden Wochen und Monaten behutsam, Schritt für Schritt weiter aufbauen. Während wir die Fohlen anfangs noch mit in die Halle nehmen, um die Stuten ein wenig zu longieren, verbleiben sie ab einem gewissen für einen immer längeren Zeitraum in ihrer heimischen Kinderstube. Besonders interessant sind die ersten Longenstunden zu beobachten, bei denen das Fohlen noch dabei ist: Die ersten zwei bis dreimal noch in heller Aufruhr, verlieren sie meist relativ schnell das Interesse daran, der Mutter in immer wiederkehrenden Kreisen hinterherzulaufen. Stattdessen bemerken sie zunehmend, was für Freiheiten eine solche Trainingsstunde der Mutter mit sich bringt und beginnen die Halle ganz alleine, von kindlicher Neugier geleitet zu erkunden. Schneller als man sich versieht, sind so die ersten Meter Distanz zu Mamas Rockzipfel gewonnen und der Abnabelungsprozess hat seinen Anfang gefunden. Haben sich die Kleinen an diese Situation gewöhnt, ist es ebenfalls nicht mehr schlimm für sie, ihre Mutter nach entsprechend behutsamer Steigerung für eine Stunde von ihren Pflichten zu entbinden und allein in der Box zu verbleiben. Unsere menschenbezogene Aufzucht und das Training der Mutterstuten hat also den positiven Nebeneffekt, dass die Fohlen zusätzlich zu dem natürlichen Abnabelungsprozess Stück für Stück an den Umstand gewöhnt werden, nicht mehr bei der Mama sein zu können und durch die behutsame Herangehensweise lernen die Kleinen von Anfang an, die Trennung als etwas völlig Normales und ein Stück weit vielleicht sogar positives abzuspeichern. Diese „Vorbereitung“ ist aber – um es noch einmal zu betonen – nicht erforderlich. Mutter Natur nimmt ihre Aufgabe sehr ernst und wird ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst dafür sorgen, dass die Fohlen immer selbstständiger werden. Da wir uns aber regelmäßig mit den Vierbeinern beschäftigen, bereiten wir die Fohlen automatisch – noch nicht mal unbedingt bewusst – auf das spätere Absetzen vor. Kein schlechter Nebeneffekt, wie ich finde.

In diesem Jahr nun haben wir uns mal an der „Übergangstrennung“ versucht. Statt Mutterstute und Fohlen einmal final zu trennen, führen wir derzeit nur über Nacht die räumliche Trennung her. Am Tage kommen die Fohlen also weiterhin mit ihren Mutterstuten raus auf die Wiese, am Abend werden sie dann alle gemeinsam von ihren Müttern getrennt. Nachdem die ersten paar Tage ab und an noch ein empörtes Wiehern zu vernehmen war, dackeln die Kleinen beim Reinholen mittlerweile von ganz alleine in ihre Teeniebox. Wenn man den Platz und die Zeit hat, die Fohlen so auf das Absetzen vorzubereiten, ist das denke ich keine schlechte Sache. Aber, um es auch hier nochmal zu betonen: Alles zusätzliche Extras, die wir handhaben, weil wir den Platz und die Motivation dazu haben. Da die Fohlen alle ihr entsprechendes Alter erreicht haben, wäre auch eine abrupte Trennung im Rahmen des Möglichen. Wo wir noch einmal bei dem allerwichtigsten Punkt wären: Das Absetzen ist – sofern es mit dem Entwicklungsstand vom Fohlen vereinbar ist – eine rein fördernde, unterstützende Maßnahme eines natürlichen Prozesses. Werden die Fohlen hingegen viel zu früh abgesetzt, handelt es sich bei dem Absetzen um einen Eingriff, der so nicht von der Natur vorgesehen ist und die körperliche und psychische Entwicklung des Fohlens massiv beeinträchtigen kann.

Nur wie geht es im Anschluss weiter? Der Großteil der Zuchtstätten wird vermutlich den trockenen Oktober nutzen, um die Mutterstuten als Herde wieder auf die Wiese zu stellen. Die Absetzer kommen meist mit ihren gleichaltrigen Freunden in eine Art Offenstall/Laufstall, um sich an das Leben ohne Mutterstute zu gewöhnen und die Trennung zu akzeptieren. Bei den Mutterstuten ist im Anschluss an das Absetzen immer nochmal eine gewisse Kontrolle geboten. Je nach Trennungsmethode ist der Organismus der Stute noch nicht darauf eingestellt, dass es keinen Abnehmer mehr für die Milch gibt. Um die Milchproduktion nicht noch weiter voranzutreiben und das Einstellen zu begünstigen, hören die meisten Züchter einige Tage vor dem Absetzen damit auf, Kraftfutter zu füttern. Nach der Trennung ist es ganz normal, dass sich das Gesäuge erst nochmal füllt und anschwillt. Je nachdem wie stark die Schwellung ausgeprägt ist, kann man die Stute vorsichtig melken und von ihrem Druck erlösen. Hierbei muss man nur aufpassen, dass man es nicht zu oft tut, da sonst immer weiter Milch produziert wird. Um es der Stute etwas angenehmer zu machen, kann man Percutin-Salbe auf das Gesäuge schmieren oder es etwas kühlen. Meist hat sich der Organismus der Stuten nach sechs Monaten aber bereits auf das Absetzen vorbereitet und stellt die Produktion recht schnell ein. Ansonsten geht es weiter wie bisher: Sowohl die Fohlen, als auch die Mütter werden fleißig umsorgt und auf den anstehenden Winter vorbereitet. Dazu aber ganz bald mehr in einem gesonderten Beitrag.

 

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