BuCha 2018 Teil 2| Fremdreiter, Anna Siemer & das MIM-System

(Teil 1 noch nicht gelesen? Hier kommt ihr direkt zum Beitrag)

..Nachdem uns am Abend des ersten Finaltages der Bundeschampionate 2018 in Warendorf vor lauter „Bildersichten“ und Beiträge verfassen nicht mehr viel Zeit blieb, die zahlreichen gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten, ging es am Sonntag direkt spannend weiter. Zur Abwechslung wagten wir uns zunächst in das Springstadion, wo bereits der CWD Preis, genauer das Finale der fünfjährigen Springponys, unter herrlichem Sonnenschein lief. Zugegebenermaßen ist die Ponyzucht ein Bereich, in dem ich mich wirklich rein gar nicht – noch weniger als bei den Großpferden – auskenne. Dementsprechend erstaunt war ich, als ich in den Abstammungen der kleinen, schmucken Sportponys teils grandiose Hengste entdeckte, die – wohlgemerkt – ganz normale Warmblutpferde sind. So stammt eine Ponystute direkt aus einer Cornet-Obolensky-Mutter: Ein Umstand, an dem ich erstmal zu knabbern hatte. War ich doch vorher unwissend davon überzeugt, dass es zwischen der Pferde- und Ponyzucht eine klare Abgrenzung gibt. Am Abreiteplatz erklärte man mir, dass man gerne klein gebliebene Warmblutstuten mit Ponyhengsten anpaart, um das erfolgreiche Blut der Großpferde auch in der Ponyzucht nutzen zu können. An dieser Stelle habe ich mich gefragt, was man denn in dem Fall macht, wenn der ausgewählte Ponyhengst die Größe der Warmblutstute nicht vollends ausgleicht und man letztendlich ein Fohlen hat, welches ausgewachsen das Endmaß gerade so um ein wenige Zentimeter überschreitet. Dann könnte man sein Zuchtprojekt weder gescheit als Pony noch als Großpferd verkaufen, zumindest gehe ich davon aus, dass die Nachfrage nach „Großpferden“, welche kaum das Ponymaß überschreiten, nicht sonderlich riesig ist. Am Morgen konnte ich also als erstes einen kleinen Einblick davon bekommen, mit welchen anderen Risiken und Problemen sich Ponyzüchter zu befassen haben und auch wenn ich immer noch genauso ahnungslos bin wie vorher, so war es doch unheimlich abwechslungsreich, in die Ponysparte zu schnuppern. Letztlich weiß man ja nie, für welchen Enkel man später als liebe Omi mal ein Pony züchten wird. Und wie sagt man so schön: Züchten heißt, in Generationen zu denken. Gesagt, getan: Der erste Ponyhengst hat bereits mein Herz erobert.

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Im Anschluss an das spannende Finale wagten wir uns erneut in ungewohnte Gewässer. Ihr merkt: Am Sonntag wurden wir abenteuerlustig. Dieses Mal führte uns der Weg zum Vielseitigkeitsgelände, auf dem die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport eine Parcoursbegehung veranstaltete, um Linienführungen sowie Schwierigkeiten des Parcours zu erläutern und das besondere MIM-Sicherheitssystem zu erklären. Spannend vor allem deshalb, weil ich vorher mit dem Vielseitigskeitssport kaum in Berührung gekommen bin und mir nicht bewusst war, dass im Hintergrund – besonders von der oben genannten Stiftung – mit Herzblut daran gearbeitet wird, für mehr  Sicherheit im Leistungssport trotz der festen Hindernisse zu sorgen. Die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport hat es sich im Rahmen des Förderprojekts “ Mit Sicherheit besser Reiten“ zum Ziel gemacht, die Sicherheit im Pferdesport zu verbessern. Dabei umfasst die Initiative Maßnahmen in den Bereichen Geländeaufbau in der Vielseitigkeit, Forschung und Innovation, Ausbildung und Sicherheitstraining sowie Medizinische Notfallvorsorge. An dem Sonntag bot die Stiftung die Möglichkeit, im Rahmen einer Geländeführung durch den Parcourschef Karl-Heinz Nothofer und einem Bundestrainer das MIM-System – eines der wichtigen Projekte der Stiftung deutscher Spitzenpferdesport – anhand der dortigen Geländehindernisse erklärt zu bekommen. Das MIM-System umfasst Mechanismen, welche an den festen Geländehindernissen eingebaut werden, um im Falle eines Kontakts von Pferd und Hindernis ausgelöst zu werden und die Sturzgefahr zu verringern. Unter anderem erklärte uns Parcourschef Karl-Heinz Nothofer das sogenannte Rotationssystem: Schlagen die Pferdebeine gegen das Hindernis, fallen die Balken nicht nur nach unten weg, sondern gehen erst etwas mit dem Pferdebein in „Schlagrichtung“ mit. Dadurch bekommt das Pferd seine Beine frei und kann das Hindernis im besten Fall ohne einen Sturz überwinden. Wie durchdacht das gesamte Sicherheitssystem ist, sieht man an den Feinheiten, welche mit einbezogen wurden. So sind sogar die Fahnenhalter rechts und links von den Hindernissen flexibel klappbar, wie bei den Skifahrern, um das Pferd im Falle einer Berührung nicht zu verletzen. Als absoluter Neuling war die Geländeführung und die Vorstellung des MIM-Systems für mich eine tolle Gelegenheit, einen Einblick in den Vielseitigskeitssport zu bekommen und ich bin begeistert, wie intensiv von der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport daran gearbeitet wird, für mehr Sicherheit im Reitsport zu sorgen. Unterlag ich doch vorher tatsächlich dem Irrglaube, die festen Hindernisse seien vollkommen unflexibel und ohne jegliche Sicherheitsvorkehrung.

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Das MIM-System
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Das MIM-System
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Geländeführung veranstaltet durch die Stiftung deutscher Spitzenpferdesport

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Kommen wir zu meinem Highlight des Tages: Nachdem wir am ersten Finaltag Hof_Sosath & Celine in den Stallungen besuchen durften, hatten wir am Sonntag dank fz_fotografie die wunderbare Möglichkeit, die drei Sterne erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin Anna Siemer auf dem Vorbereitungsplatz zu begleiten. Wie schon erwähnt habe ich vor dem Wochenende in Warendorf weder je eine Vielseitigkeitsprüfung miterlebt, noch habe ich mich selbst einmal in diesen Bereich des Reitsports gewagt. Einzig für meinen Beitrag über den Einsatz von Vollbluthengsten in der Warmblutzucht kam ich mit den Vielseitigskeitspferden in Berührung, welche von mir als Argument dafür angeführt wurde, wieder vermehrt reine Vollbluthengste einzusetzen, um den Vollblutanteil zu erhalten. Umso spannender war es nun, einmal live miterleben zu dürfen, warum wir nun gerade die Härte, Schnelligkeit und Robustheit eines Vollblutpferdes in unserem heutigen Vielseitigkeitssport benötigen. Natürlich werden einem diese Punkte bereits bewusst, wenn man sich nur einmal etwas eingehender mit den Anforderungen eines Vielseitigkeitsparcours beschäftigt: Die Streckenlänge und die Anzahl  und Art der Hindernisse sprechen denke ich für sich. Und dennoch war es noch einmal etwas ganz anderes, die wahnsinnigen Anforderungen des Vielseitigkeitssportes vor Ort miterleben zu dürfen und ich habe mir fest vorgenommen, mich in Zukunft mehr mit dem Vielseitigkeitssport und den dahinterstehenden Zuchtzielen zu beschäftigen. Nun aber zurück zu Anna Siemer: Drei Pferde hatte sie allein für das Finale der Fünfjährigen qualifiziert, zwei gingen im Anschluss im Finale der Sechsjährigen an den Start. Soll ich ehrlich sein? Meine Freundin und ich waren absolut begeistert, was für ein riesiger Zusammenhalt innerhalb des Teams um Anna besteht. Es wird vorbereitet, nachbereitet, mitgefiebert, gelacht, gezittert, Glückwünsche verteilt und nicht selten lagen sich die Mädels vor Glück, Erleichterung oder zum reinen „Mut zusprechen“ in den Armen. Auch wenn wir uns beim BuCha erstmalig getroffen haben, konnten wir bereits in den wenigen Momenten die Herzlichkeit & Leidenschaft spüren, die das ganze Team verbindet. Und nicht nur das: Die Ruhe & Herzlichkeit, mit der Anna sich auf jedes Pferd neu eingestellt hat und sich im Anschluss trotz des näher rückenden nächsten Starts jedes Mal die Zeit nahm, sich bei ihrem Partner Pferd für den Ritt zu bedanken und ihm durch ausgiebiges Loben zu zeigen, wie stolz und glücklich sie ist. Stolz und glücklich darüber, dass das Pferd bereit war ihr bedingungslos zu vertrauen und mit und für sie alles zu geben. Ihr merkt: Es war für mich wirklich etwas sehr besonderes, eine derartige Pro-Pferd-Einstellung und Zuneigung auf einem Turnierplatz dieser Größenordnung zu sehen. In Anbetracht der gigantischen Leistung, die Anna Siemer in der gesamten Woche erbracht hat und dem Druck, den sie vor einer so großen Prüfung ausgesetzt ist, finde ich es absolut bemerkenswert, wie sie jeglichen Stress von dem Pferd fern hält und immer für ein gutes Gefühl bei dem Pferd sorgt. Ich denke ihre Herzlichkeit & Zuneigung gegenüber ihren vierbeinigen Partnern trägt einen nicht unbedeutenden Teil dazu bei, dass sie sich auf diesem grandiosen Erfolgsweg befindet. Allein im Finale der Fünfjährigen gab es den Titel der Bundeschampionesse für Clara Bö, die Bronzemedaille sowie den sechsten Platz der besten fünfjährigen Vielseitigkeitspferde in Deutschland. Ich denke mehr geht nun wirklich nicht. An dieser Stelle nochmal ein riesiges Dankeschön an Fabienne, dass du für uns den Kontakt hergestellt hast und natürlich an Anna Siemer, dass wir dich hinter den Kulissen begleiten durften. Übrigens eine Gemeinsamkeit von Fabienne und mir: Wir haben beide unsere Leidenschaft „durch Zufall“ entdeckt. Während sie durch ihre Fotografie mit Anna in Kontakt kam und ihre Freude dafür entdeckt hat, als Pflegerin Teil des Teams zu sein, rutschte ich vor drei Jahren ebenfalls vollkommen ahnungslos in die Zuchtszene. Was sagt uns das: Manchmal hält das Schicksal auch etwas Gutes für uns bereit 🙂

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Im Anschluss an dieses tolle Erlebnis und vollgestopft mit neuen Eindrücken war unsere Abenteuerlust gestillt und wir begaben uns wieder ins gewohnte Gewässer. In dem Dressurstadion stand das Finale der fünfjährigen Dressurpferde an, bei dem wir uns einige Hengste notiert hatten, die wir uns gerne anschauen wollten. Unter anderem war der Hengst For Final dabei, ein Sohn des For Romance I aus einer Dimaggio-Mutter, welcher im Besitz des Dressurpferde Leistungszentrum Lodbergen steht sowie die Stute Schöne Scarlett. Letztere stammt ab von Scolari*Londonderry, wobei mir Scolari bis zu diesem Wochenende tatsächlich noch vollkommen unbekannt war. Da die Stute allerdings hier in meiner Heimat ganz in der Nähe gezogen wurde, verfolgte ich die Prüfung besonders interessiert und drückte den Züchtern ganz fest die Daumen für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Erfolgreich, denn am Ende wurde es der verdiente zweite Platz für diese wunderschöne Stute. Neben diesen beiden Youngstern wurde mir von Zuhause noch ein kleiner „Auftrag“ mitgegeben. Ein Zonik*Prince Thatch xxx -Nachkomme stieß mit seiner Qualifikationsrunde auf Gefallen, sodass ich mir diesen Hengst einmal genauer anschauen sollte. Gesagt, getan: Von der Halsung gefiel er mir im ersten Moment ehrlicherweise nicht ganz so gut, da er durch die Form seines Halses immer etwas eng geritten wirkte, obwohl dies nicht der Fall war. Wenige Runden später überstrahlte seine Runde im Viereck allerdings den ersten Eindruck, denn anders als der Großteil seiner gleichaltrigen Kollegen legte er eine absolut entspannte, losgelassene und fehlerlose Runde hin. Es wirkte, als wenn dieses Pferd hochrittig sein muss, so fein und sicher er auf die Hilfen reagierte. Natürlich ist es fünfjährig vollkommen normal, dass die jungen Pferde phasenweise den Außengalopp nicht halten können, zu früh umspringen oder ähnliches. Das sind die Schwierigkeiten der L-Dressur und es wäre doch irgendwo auch ein Stück langweilig, wenn alle wie ein Kätzchen durch die Prüfung schnurren würden. Dieser Herr hat es aber getan und lieferte ohne mit der Wimper zu zucken eine 100% saubere Runde ab. Hut ab, für einen fünf Jahre alten Hengst. Für diesen Ritt erhielt der Zonik-Sohn die verdienten Noten 9,0 für den Trab, 9,5 für den Schritt, 9,0 für den Galopp, 10,0 für die Durchlässigkeit (!!!) und eine 9,5 für den Gesamteindruck und holte sich damit den Titel des Bundeschampion 2018 der fünfjährigen Dressurpferde. Auch wenn er nicht dem Typ Pferd entspricht, dem ich regelmäßig verfalle, so ist die hohe Rittigkeit doch ein Aspekt, aufgrund derer ich diesen Hengst in Zukunft im Hinterkopf behalten werde. Letztlich – das darf man vor lauter Vorlieben nicht vergessen – sollte man der Durchlässigkeit eben doch eine höhere Priorität einräumen, als das schöne Köpfchen, die Fülle des Schweifes oder sonstige kleine Extras, denen wir Mädels gerne mal verfallen.

Zu guter letzt möchte ich noch ein paar Worte zu einem Reiter loswerden, der an diesem Wochenende in Warendorf wieder einmal bewies, was für ein grandioser Reiter er ist. Die Rede ist von Philipp Hess , welcher bei den Bundeschampionaten 2018 den Fremdreitertest bei zahlreichen Pferden durchführte. Man kann eine Leistung immer sehr schlecht beschreiben, wenn man es nicht einmal selbst miterlebt hat, aber Philipp Hess schaffte es wirklich bei ausnahmslos jeder Vorstellung, sich innerhalb weniger Sekunden auf das individuelle Pferd einzustellen und es ohne Training, ohne vorheriges Kennenlernen vor versammeltem Publikum korrekt vorzustellen. Es bedarf einer riesengroßen Portion Talent, Können und Feingefühl, um eine derartige Leistung zu erbringen und ich denke ich tue niemandem Unrecht wenn ich sage, dass die wenigsten Reiter mit dieser Gabe gesegnet sind. Ohne für uns sichtbare Hilfen, mit einer Ruhe und Pferdefreundlichkeit, von der ich gerne ein Portion ab hätte, hat er sich ohne Anzeichen von Müdigkeit höchst konzentriert auf unzählige Pferderücken geschwungen,  ohne zu wissen, was ihn erwartet und mit der Aufgabe, innerhalb von zehn Minuten ein Gefühl für das Pferd zu bekommen, um es im Anschluss gerecht bewerten zu können. Nicht ohne Grund war er auch auf dem Gelände in Warendorf der Liebling der Zuschauer und auch wenn der Applaus um die Mittagszeit rum etwas müde wurde, so entfachte er spätestens bei der Vorstellung von Philipp Hess wieder in voller Lautstärke. Am Ende des Tages waren wir uns einig: Philipp Hess stellte die Pferde teils besser vor, als ihre Bereiter. In diesem Sinne beende ich nun die kleine Beitragsreihe zu den Bundeschampionaten 2018 und bedanke mich noch einmal bei der FN , dass ich diese Erfahrung als „Presse“ machen durfte.

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Philippp Hess gratuliert dem Bundeschampion

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