BuCha 2018 Teil 1| Hof Sosath & Podiumsdiskussion

Vergangenes Wochenende hatte ich das große Glück, ein Teil der „Presse“ beim Bundeschampionat 2018 in Warendorf sein zu dürfen. Samstag früh machten wir uns auf den Weg, um zwei Tage lang Sport in den verschiedensten Disziplinen zu verfolgen, die Atmosphäre zu genießen und fleißig Ausschau nach möglichen Deckhengsten für die kommende Saison zu halten. Bei kaum einem anderen Event treffen Sport und Zucht derart aufeinander, wie an diesem Wochenende in Warendorf: Junge Talente als Vererbungserfolg bestimmter Deckhengste stellen ihr Können unter Beweis, um in der jeweiligen Altersklasse und Disziplin zum besten Pferd Deutschlands geehrt zu werden und so möglicherweise den Grundstein für eine kommende Karriere sowohl in der Sport- als auch in der Zuchtbranche zu legen. Bereits drei Wochen vorher bewaffnete ich mich mit den vorläufigen Starterlisten und markierte mir Hengste und vor allem Nachkommen bestimmter Hengste, welche ich mir gerne live vor Ort etwas „genauer“ anschauen wollte. Diese wurden dann nach Beginn der Bundeschampionate fleißig mit den Ergebnissen der Einlauf- und Qualifikationsprüfungen abgeglichen, um schlussendlich noch einmal Hengstvideos, Eckdaten und Erfolge auf den Seiten der jeweiligen Deckstationen zu recherchieren. Für mich gibt es nichts Langweiligeres, als an einem Turnierplatz zu sitzen, ohne ein bisschen Hintergrundwissen zu den vorgestellten Reiter- und Pferdepaaren zu haben. Aus dem Grund nutzte ich liebend gern die Zeit hier Daheim, um mich so gut es geht auf die Finaltage in Warendorf vorzubereiten und so viel Wissen mitzunehmen, wie ich mir in der kurzen Zeit nur anlesen konnte.

Mit einer langen Liste potenzieller Deckhengste und dessen Nachkommen starteten wir am Samstag mit der Reitpferdeprüfung der vierjährigen Stuten und Wallache in den Tag, bei der uns gleich das erste „ungeplante“ Highlight erwartete: Aufgrund eines kurzfristigen Richtertausches in der Mitte der Prüfung gab es in diesem Jahr eine Unterteilung in zwei Abteilungen und damit erstmalig zwei Champions in dieser Altersklasse, um ein faires Ergebnis zu gewährleisten. So durfte sich zum einen der Oldenburgerwallach Bitcoin OLD unter Frederic Wandres und zum anderen die Oldenburgerstute Caty OLD unter Hermann Gerdes über den Titel des Bundeschampions/ der Bundeschampioness der vierjährigen Stuten und Wallache freuen.

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Oldenburgerwallach Bitcoin OLD unter Frederic Wandres und zum anderen die Oldenburgerstute Caty OLD unter Hermann Gerdes
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Bundeschampionat 2018
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Bundeschampionat 2018

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Im Anschluss an diese Prüfung ging es für uns in die Stallzelte der Springpferde, um das Team der Deckstation „Hof Sosath“ bei den Vorbereitungen für das große Finale zu begleiten. Vier Deckhengste waren es an der Zahl, welche die 24-jährige Bereiterin Celine an diesem Wochenende versorgte, pflegte sowie vor- und nachbereitete, um den Reiter Hendrik Sosath bei seinem straffen Programm zu unterstützen. Celine – selbst erfolgreich bis zur Klasse S – hat ihre Ausbildung zur Pferdewirtin beim DOKR erfolgreich abgeschlossen und bestreitet nun eine Ausbildung zur Bürokauffrau, um noch einmal etwas „solides“ zu machen. Glücklicherweise konnte sie ihre Lehre im Hause Sosath beginnen, sodass sie trotz ihres „Bürojobs“ immer noch ganz nah dran ist an den lieb gewonnenen Abläufen im großen Sport. Auch an diesem Wochenende ließ sie es sich nicht nehmen in die Rolle der Pflegerin zu schlüpfen, um ihre Schützlinge zu begleiten, altbekannte Gesichter wiederzusehen und neue Erfahrungen im nationalen und internationalen Sport sammeln zu können.

Wie so oft schon erwähnt ist es für mich ein Muss, ausgewählte Hengste für die kommende Decksaison noch einmal ganz in Ruhe in Augenschein zu nehmen. Neben den öffentlichen Auftritten der Hengste ist ein Besuch auf der jeweiligen Deckstation oder ein Einblick hinter die Kulissen auf einem Turnier auf eine ganz andere Art und Weise hilfreich, um für sich feststellen zu können, ob dieser Hengst nun DER Hengst für die kommende Saison sein soll. Selbstverständlich ist es nicht immer und jedem möglich, einen solchen Augenblick der Ruhe zu erhaschen: Zwar sind die meisten Deckstationen stetig bemüht, ihren Züchtern solche Besuche anzubieten, letztlich muss natürlich aber auch an das Wohl der Pferde gedacht werden, welches stets im Vordergrund steht. Aus diesem Grund freute ich mich natürlich besonders, als ich von Hendrik Sosath das Okay bekam, sein zwei- und vierbeiniges Team hinter den Kulissen begleiten zu dürfen. Apropos: Beim Hof Sosath sind Züchter mit Voranmeldung natürlich immer herzlich Willkommen und laut Celine bekommt ihr auch auf jeden Fall einen leckeren Kaffee dazu 😛 Samstag mittag war es also soweit: Wir schummelten uns in die Stallzelte (im wahrsten Sinne des Wortes), um Celine fleißig über ihren Job hier vor Ort auszuquetschen und Beitragsmaterial für unsere „Behind the scene“-Story auf Instagram zu sammeln. Wer meine Posts die vergangenen Wochen verfolgt hat, weiß, dass ich mich bereits wieder auf die Suche nach potenziellen Deckhengsten für die kommende Saison gemacht habe. Unter anderem hatte ich einen Casall-Sohn ins Auge gefasst, welcher exakt den Typ Pferd verkörpert, welchen ich im Parcours am Liebsten habe: Langbeinig, sportlich, aber dennoch schön rund und was zum „Anfassen“. Die Rede ist von dem siebenjährigen Holsteiner Casalido (Casall*Calido I), welcher von Peter-Nagel-Tornau gezogen wurde und dessen Samen nun auf der Deckstation Sosath vertrieben wird. Was soll ich sagen? Auch von Angesicht zu Angesicht konnte er meinen ersten Eindruck, welchen ich per Video gewinnen konnte, nur bestätigen. Ein Hengst, welcher auf jeden Fall ganz weit oben auf meiner Liste steht. Mit dabei waren zudem die beiden sechsjährigen Hengste Casino Grande und Diamant de Plaisir (liebevoll Dino genannt) sowie der fünfjährige Comme prevú, welcher als Nachkomme von Comme il faut wiederum einer der Youngster war, welcher in Anbetracht der vielen heranwachsenden Comme il faut-Nachkommen daheim weit oben auf der Liste der interessanten Hengste stand. Dank Celine und dem Team Sosath konnten wir einen Einblick davon bekommen, wie routiniert und professionell Pfleger/-innen und Reiter hinter den Kulissen arbeiten, um den Pferden trotz der ungewohnten Umgebung so viel Ruhe und Entspannung wie möglich zu ermöglichen. Es war ein einmaliges Erlebnis, das „Leben auf dem Turnierplatz“ hautnah erklärt und veranschaulicht zu bekommen und es sind viele kleine Tipps, Tricks und Details, welche ich mir in Sachen Pflege, Transport und den auswärtigen Übernachtungen definitiv merken werde. Nicht zu vergessen natürlich die Begegnungen mit den besagten Hengsten, welche nun als Puzzleteile in mein kleines Wissens-Repertoir über die Pferdezucht aufgenommen, eingegliedert und verinnerlicht werden. Wie war das nochmal so schön? Nichts ist hilfreicher, als Live-Erlebnisse abzuspeichern, mit denen man Zahlen, Daten, Abstammungen, Züchter und erfolgreiche Mutterstämme verknüpfen und damit für längere Zeit im Gedächtnis abspeichern kann. Casino Grande beispielsweise ist nun einer der Hengste, welche ich unter den Springpferden als „besonders bewegungsstark vererbend“ abspeichern kann. Immer ein Stück mehr Wissen über die Pferdezucht aneignen, so ist die Devise.

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Hendrik Sosath mit Casalido
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Celine mit ihrem Schützling Comme prevú
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Casalido bei den Vorbereitungen für das große Finale

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Mit diesen wunderbaren Eindrücken im Gepäck ging es anschließend zu der Podiumsdiskussion der FN zum Thema „Käuferwunsch und Züchterziel – stimmen sie noch überein? „, bei dem mehrere namenhafte Richter, Züchter und Ausbilder unter der Moderation von Klaus Blässing referierten. Eine tolle Gelegenheit erwartete die Zuschauer im Anschluss an diese Runde, als ihnen die Möglichkeit geboten wurde, den Teilnehmern Fragen zur angesprochenen Thematik und rund um die Zucht zu stellen. Vier Themengebiete waren es, welche von den Zuhörern aus den Zuschauerreihen, gestellt wurden und scheinbar vielerorts Züchter und Reiter beschäftigt. Zum einen wurden die Hengstkörungen angesprochen, bei denen – so der Eindruck eines Züchters- Hengste in einer zunehmenden Anzahl gekört werden würden. Dieser Anstieg der Titelvergabe erwecke den Eindruck, dass die Anforderungen an einen Deckhengst nachlassen würden und/ oder die Kommission nicht mehr mit der Härte und Präzision selektiert, wie man es sich als Züchter von ihnen wünschen würde. Der Zuschauer betonte dabei noch einmal nachdrücklich, dass sich die Züchter insoweit auf den Körtitel verlassen können müssen, dass die gekörten Hengste allesamt keine gravierenden, vererbbaren und nicht zu korrigierenden Mängel aufweisen, um nicht ungewollt Fehlstellungen, Taktunreinheiten und wesentliche Mängel im Exterieur zu verbreiten.

Ein weiterer Aspekt, welcher in diesem Zuge von den Zuschauerrängen eingeworfen wurde, ist der Genpool, welcher – so der Gedankengang einer Zuschauerin – Gefahr laufe, sich aufgrund des vielfachen Einsatzes von Modehengsten zu verkleinern. Als Beispiel führte sie hierbei den Hengst Fürstenball an, welcher bei den Bundeschampionaten 2018 in mehreren Altersklassen top Nachwuchs präsentieren konnte.

Besonders interessant fand ich den dritten Redebeitrag aus den Zuschauerreihen: Eine Züchterin aus Bayern erläuterte ihr „Züchterdilemma“ und bat darum, von Seiten der FN diesbezüglich problemlösend einzugreifen. Sie legte dar, dass das Angebot der Züchter zunehmend nicht mehr zu der Nachfrage passe, welche von dem größten Endverbraucher – dem Amateur – gefragt werden würde. Rittig, leicht bedienbar und vor allem klar im Kopf: Das sind die Kriterien, zu dem der Markt immer mehr tendiert. Problem nur: Amateure sind zum größten Teil keine Fohlenkäufer und begeben sich stattdessen eher auf die Suche nach einem passenden Nachwuchs im Reitpferdealter. Viele Züchter haben jedoch nicht die finanziellen und zeitlichen Mittel, ihre gezüchteten Fohlen bis zum Reitpferdealter aufzuziehen und auszubilden. Möchten sie als kleiner Hobbyzüchter überleben, sind sie gezwungen, zumindest einen großen Teil im Fohlenalter zu vermarkten. Auf dem Fohlenmarkt wiederum besteht aber in erster Linie keine Nachfrage nach eben diesen rittigen, leicht zu bedienenden Pferden. Stattdessen sind es die spektakulären Fohlen, welche sich im jungen Alter von wenigen Monaten verkaufen lassen. So komme es, dass die Züchter mehr oder weniger gezwungenermaßen in Richtung „spektakulär“ züchten und damit ein Angebot schaffen, was auf lange Sicht nicht mehr zu der Nachfrage der Endverbraucher passen. Dieser Wortbeitrag der Züchterin stieß bei mir besonders auf Interesse, wo ich doch die letzten Wochen bereits mehrfach auf meinem Instagram-Account auf dieses Thema zu sprechen kam. Zu dem vollständigen Beitrag zu diesem Thema gelangt ihr hier: https://alisahellmold.com/2018/08/29/zuchtziel-wir-brauchen-mehr-rittige-bedienbare-pferde/

Zu guter letzt war es das Warmblood Fragile Foal Syndrom, WFFS, welches als viertes aus den Zuschauerreihen angesprochen wurde. WFFS  ist eine Erbkrankheit, welche bereits seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten bei Pferden auftreten kann, in jüngster Zeit aber wieder für neue Diskussionen sorgt. Es handelt sich dabei um eine unheilbare Bindegewebsstörung, welche dazu führt, dass ein Fohlen nicht überlebensfähig ist. Wird ein Elternteil, welches Träger des Defekts ist, mit einem nicht betroffenen Elternteil angepaart, so kommt es nicht zum Ausbruch der Krankheit, in 50% aber zur Vererbung des Defekts. Zum Ausbruch der Krankheit kann es erst kommen, wenn sowohl die Stute als auch der Hengst das Gendefekt in sich tragen. Derzeit liest man bei einer solchen „doppelt belasteten Anpaarung“ eine Wahrscheinlichkeit von 25% für ein nicht überlebensfähiges Fohlen. Häufig kommt es aber gar nicht zur Trächtigkeit, weil die Stute nicht aufnimmt oder resorbiert, als wenn die Natur wüsste, dass diese Anpaarung nicht gewollt sein kann. Im Frühjahr 2018 wandte sich eine Züchterin an die Öffentlichkeit und bat darum, dass Deckstationen ihre Hengste auf den Defekt testen lassen. Ihre eigenen Erfahrungen mit WFFS zeigte tatsächlich Wirkung, sodass mittlerweile mehrere Deckstationen den Test durchführen ließen und die Ergebnisse bekanntgaben. Nichtsdesto trotz herrscht selbstverständlich Unsicherheit in den Reihen der Züchter, wie weit WFFS wirklich verbreitet ist und wie man sich als Züchter bestenfalls verhalten sollte.

Vier Themen waren es also, die aus den Zuschauerreihen angeführt wurden und genau diese vier Themen haben sehr gut wiedergespiegelt, worüber man sich derzeit im Bereich der Pferdezucht Gedanken macht. Allesamt diskussionsträchtig und nicht unbedingt einfach zu „lösen“: Aus diesem Grund bin ich gespannt, wie in der kommenden Zeit mit diesen angesprochenen Ängsten der Züchter – besonders aus den Reihen der Verbände und Richtern – umgegangen wird und inwiefern man möglicherweise an einer Problemlösung arbeiten kann. Die Podiumsdiskussion war diesbzgl. eine wunderbare Gelegenheit, derartige Gedankengänge mit fachkundigen Rednern zu besprechen und Ängste und Sorgen anzuführen. Im Anschluss an diese fachliche Zusammenkunft ging für uns der erste Finaltag beim Bundeschampionat 2018 zu Ende und wir waren vollgestopft mit tollen, neuen Eindrücken und Anregungen rund um die Pferdezucht.

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…Tag 2 folgt bald in einem weiteren Beitrag.

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