Zuchtziel? Wir brauchen mehr rittige, bedienbare Pferde!

Zuchtziel? Vor etwas längerer Zeit habe ich ein sehr interessantes Gespräch mit einem Pferdewirtschaftsmeister geführt, welcher die Ausbildung von Jungpferden als seinen beruflichen Schwerpunkt entdeckt hat. Es ging darum, dass Züchter gerne kribbelige Modehengste einsetzen, die zwar unter namenhaften Reitern wie Ehning, Beerbaum & Co. eine gute Figur machen, von Amateurreitern aber kaum zu händeln sind. Pferde, die einen unfassbaren Willen haben, mit Feuer und Elan dabei sind, aber so eine große Portion „Kribbel“ mitbringen, dass sie nur von den Profis gescheit durch den Parcours manövriert werden können. Problem: Eingesetzt werden die feurigen Hengste zu Genüge, Reiter wie Ludger & Marcus sprießen aber nicht wie Bäume aus dem Boden. Worauf ich hinaus möchte: Man züchtet verständlicherweise mit dem Ziel, Nachwuchs für den ganz ganz großen Sport zu ziehen, wo etwas Kribbel eher von Vorteil ist. Problem nur: Wirklich starke Reiter gibt es nicht in Massen und diese sind irgendwann mit Pferden versorgt (Was nicht heißen soll, dass es genügend gute Pferde gibt. Im Gegenteil: Besser geht immer. Aber die Nachfrage dieser potenziellen Kundschaft ist irgendwo auch ein Stück weit begrenzt, sprich nicht jeder vielversprechende Vierbeiner wird seinen Weg in den großen Sport finden. Ob talentiert oder nicht) Was also tun mit den – Verzeihung – durchgeknallten Youngstern, die möglicherweise sogar das Potenzial für mehr hätten, aber von keinem „normalen“‘Reiter bedient werden können? Machen wir uns nichts vor: Der Großteil der Reiter befindet sich irgendwo im Amateurbereich, sei es auf A, L oder M-Niveau. Und eben diese Reiter sind es, die zum Großteil die Käuferschaft der Züchter darstellen. Sicherlich verkauft man mit etwas Glück und Kontakt auch an internationale Reiter, die Masse verbleibt letztlich aber eben beim Otto Normalverbraucher. Und eben diesen Reitern ist nicht mit einem Pferd geholfen, das zwar Hochhäuser springt, was sich aber so schwer bedienen lässt, dass die Reiter gar nicht erst zum anvisierten Hochhaus gelangen. Kurz: Wenn man die Zucht & den Absatzmarkt realistisch betrachtet, brauchen wir rittige, artige und ehrliche Pferde, die vom Durchschnittsverbraucher bedient werden können. Das ist die Masse, das ist die größte Kundschaft und das sind diejenigen, bei denen die Pferde grundsätzlich ihren Platz finden werden. So viel zur Theorie.

Schaut man einmal in die Praxis, liegen die Gründe für das Vorgehen vieler Züchter auf der Hand: Sowohl aus finanzieller als auch aus logistischer Sicht ist der Verkauf eines Pferdes für viele kleine, private Züchterfamilien im Fohlenalter vorzugswürdig. Möchte man sein Fohlen allerdings wenige Monate nach der Geburt für einen kostendeckenden und möglicherweise sogar leicht gewinnbringenden Preis verkaufen, gilt es die potenzielle Käuferschaft von der Qualität des jeweiligen Zöglings zu überzeugen. Problem nur, dass es bei einem Dreikäsehoch häufig noch nicht viel gibt, was man bewerten könnte. Oder besser: Sicherlich kann man trotz der verschiedenen Entwicklungsstadien mit etwas Übung  eine relativ sichere Prognose darüber abgeben, wie sich das Exterieur einmal entwickeln wird. Ebenso wird man auch bereits im Fohlenalter Aussagen darüber treffen können, ob der Youngster von seinen Vorfahren einen schicken Typ mitgegeben bekommen hat oder möglicherweise bereits der Schnabel etwas klobig und unscheinbar präsentiert wird. Was aber wohl niemand kann, ist zu 100% versichern, dass ein bestimmtes Fohlen definitiv später einmal die Qualitäten für den ganz, ganz großen Sport mit sich bringen wird. Schicker Typ und ein halbwegs stimmig aussehendes Exterieur hin oder her: Letztlich kauft man mit einem Fohlen die Katze im Sack oder – etwas netter ausgedrückt – die pure Hoffnung auf eine erfolgsträchtige Zukunft. Und woraus ergibt sich die Hoffnung? Richtig, aus der Abstammung. Wenn wir uns nicht gerade in dem Dressurgewässer befinden und ein Fohlen erspähen, welches sich bereits im Alter von wenigen Wochen bis an die Unterlippe strampelt, dann ist es wohl zu 90% – so würde ich schätzen – die Abstammung, welche einen Käufer dazu animiert, für ein bestimmtes Fohlen eine bestimmte Summe zu investieren. Um nun den Bogen zurück zum eigentlichen Thema zu spannen:  Käufer, welche bereit sind eine relativ hohe Summe für ein bisschen Hoffnung auszugeben, wollen primär keine braven und leicht bedienbaren Pferde für Amateure in der Abstammung haben. Sie wollen Vermögen, eine grandiose Marnier, genügend Go, eine unumstrittene Leistungsbereitschaft und den Willen, im Parcours bis an die Grenze zu gehen und das Beste zu geben. Dass das Pferd halbwegs klar im Kopf sein sollte ist natürlich ebenfalls wichtig, „artig und bedienbar“ steht bei den meisten Käufern aber wohl nicht ganz oben auf der Liste. Warum nicht? Ganz einfach: Sie kaufen die Fohlen mit der Hoffnung, dass sie einmal im großen Sport laufen werden. Sollte sich herausstellen, dass das Pferd genügend Qualität mitbringt, werden keine Kosten und Mühen  gescheut, um das Pferd mit Hilfe von grandiosen Reitern auszubilden und später im Sport vorzustellen. Reiter, die wenig Probleme mit „schwer bedienbar“ haben und für die das Pferd auch nicht extra brav seine Runden laufen muss. Im Gegenteil: Es ist wohl kein Geheimnis, dass es meist die spritzigen, etwas irren Pferde sind, die das gewisse Extra, den gewissen Biss auf der finalen Linie mitbringen. Um es auf den Punkt zu bringen: Züchter setzen die besagten kribbeligen Modehengste ein, um den Markt der Hengstaufzüchter, internationalen Reiter und Deckstationen zu bedienen. Immer mit der Hoffnung, das Fohlen in eine große, internationale Zukunft verkaufen zu können.

So weit so gut, Problem nur: Was passiert mit den „übrig gebliebenen“ Nachkommen? Solche, die eine ebenso spezielle Ader besitzen, es aber aufgrund mangelnder Qualitäten oder einer fehlenden Förderung nicht in den großen Sport geschafft haben? Seien wir ehrlich: Diese Pferde sind keinesfalls der kleine Rest. Stattdessen schaffen es nur eine Handvoll der besagten hoffnungsträchtigen Youngster in die Erfolgsschiene, der Großteil ist es aber, welcher schlussendlich an die Amateure verkauft werden. Vielleicht hat man als Züchter  Glück und kann das Fohlen tatsächlich im Alter von ein paar Monaten für einen guten Preis versteigern. Dann wird das Problem von den Züchtern auf die Zwischenhändler verlagert, die sich auf die Suche nach einem passenden Endverbraucher für das jeweilige Pferd machen dürfen. Egal wann und wo es aber zum Verkauf an den Verbraucher kommt: Das Angebot, welches die Züchter/ Aufzüchter/Zwischenhändler zu bieten haben, wird nicht zur Nachfrage des durchschnittlichen Amateurs – dem wohl größten Teil der Kundschaft – passen. Die „Leidtragenden“ sind letztlich die Bereiter, welche die feurigen Jungspunde anreiten und auf ein halbwegs bedienbares Level ausbilden dürfen. Vielleicht muss man aber auch als Züchter in sich gehen und hinterfragen, ob es nicht sinnvoller ist, bedienbare, rittige und  ehrliche Pferde zu „liefern“, die vom Durchschnittsverbraucher bedient werden können und damit genau das bieten, was von der breiten Masse nachgefragt wird, anstatt fleißig Profi-Pferde zu „produzieren“ und auf DEN einen Verkauf in die ganz hohen Reihen zu hoffen. Versteht mich nicht falsch: Ich kann die Züchter 100% verstehen und würde vermutlich auch nicht anders handeln. Warum nur im dritten Gang fahren, wenn man auch die Chance hat, in den vorderen Reihen mit zu mischen? Ein Erfolgspferd zu züchten ist doch eben gerade der Traum, wofür man nächtelang über hochtragende Stuten wacht, Hengstkataloge durchwühlt und jede freie Sekunde aus Leidenschaft in seine heimische kleine Zucht steckt. Und doch glaube ich, dass wir alle aufpassen müssen, dass sich das Angebot der Züchter nicht zu weit von der Nachfrage der Käuferschaft entfernt. Ich bin ehrlich: Momentan stehe ich wirklich zwischen den Stühlen und es fehlen mir die Ideen, wie man die Interessen beider Seiten wieder mehr in Einklang bringen kann. Am kommenden Wochenende fand genau zu diesem Thema eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Bundeschampionats 2018 in Warendorf statt. Unter dem Titel “ Käuferwunsch und Züchterziel – stimmen sie noch überein?!“ diskutierten erfahrene Richter, Züchter und Reiter über diese Thematik und anhand der gut gefüllten Tribüne scheint die FN mit diesem Thema das Interesse von Züchtern und Reitern getroffen zu haben. Um den Beitrag nicht zu lang werden zu lassen, möchte ich euch nur einmal zwei Wortbeiträge in meinen Worten wiedergeben, die sich mir am Stärksten eingeprägt haben. Zum einen führte Hengsthalterin, Fremdreiterin und Ausbilderin Katrin Burger an, dass es häufig die Züchterschaft sei, welche Hengste bereits einsetze, ohne dass diese vorab ihren Sporttest absolviert haben. Dadurch würden gekörte Hengste, die anhand ihres Exterieurs und ihrer Vorstellung bei der Körung im Alter von zweieinhalb Jahren überzeugten, blind eingesetzt werden, ohne dass eine Beurteilung über die Fähigkeiten unter dem Sattel, insbesondere der Rittigkeit vorliege. „Züchter wollen die Hoffnung kaufen und nicht die Tatsachen“, so ihre Aussage. Tatsächlich muss ich ihr insoweit Recht geben, als dass der Einsatz eines Hengstes, welcher bislang noch keinen Sporttest absolviert hat, auch in meinen Augen wenig Sinn macht. Sicherlich lassen sich anhand der Vorstellung bei der Körung schon die ein oder anderen Tendenzen über die spätere Eignung unter dem Sattel absehen, das objektive Reitgefühl eines Fremdreiters im Rahmen des Sporttests kann diese Inaugenscheinnahme aber keinesfalls ersetzen. Dennoch glaube ich, dass der zu frühe Einsatz von gekörten Hengsten nicht die Ursache dafür sein kann, dass sich das Angebot immer weiter von der Nachfrage entfernt. Zum einen mag ich mir nicht vorstellen, dass ein Großteil der Züchter diese Technik tatsächlich regelmäßig praktiziert. Stattdessen ist es doch wohl eher so, dass man diesen Schritt nur dann wagt, wenn man in besonderem Maße von dem Hengst angetan ist. Immerhin darf nicht vergessen werden, dass ohne Sporttest immer noch die Gefahr besteht, dass das spätere Fohlen keine oder nur halbe Papiere bekommt. Zudem ist in diesen einzelnen Fällen, wo ein Züchter eben doch ausnahmsweise einmal das Risiko eingeht, nicht automatisch gesagt, dass sich der Hengst letztlich auch wirklich als absolut unrittig und/oder schwer bedienbar entpuppt. Ich stehe der Aussage also insoweit kritisch gegenüber, als dass ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen kann, dass der zu frühe Einsatz von ungeprüften Hengsten die Ursache bzw. auch nur eine Teilursache für die derzeitige Marktentwicklung ist.

Innerlichen Zuspruch musste ich einer Züchterin aus dem Publikum erteilen, welche den Rednern und Zuschauern ihr persönliches „Züchterdilemma“ darlegte: Die Nachfrage nach rittigen und artigen Pferden nimmt zu, diese lassen sich aber nicht als Fohlen vermarkten. Stattdessen kaufen die Amateure ihre gesuchten, rittigen Pferde im Reitpferdealter ein, die Ausbildung eines Fohlens bis hin zum verkaufsfähigen Youngster ist vielen Züchtern aber sowohl finanziell, als auch zeitlich nicht möglich. Während im Reitpferdealter also die oben angesprochene Rittigkeit und einfache Bedienung gefragt ist, erfordere der Fohlenverkauf ein spektakuläres, typvoll aufgemachtes Fohlen, bei dem weniger der klare Kopf und die Rittigkeit eine Rolle spielt, sondern stattdessen der möglichst auffällige, selbstbewusste Auftritt gepaart mit einem überdurchschnittlichen Gangwerk maßgeblich ist. Der Züchter ist also aus finanziellen Gründen gewissermaßen gezwungen, für den Fohlenmarkt zu produzieren und nicht für den größten Käufer, dem Amateur. Ihr seht: Im Prinzip hat die nette Dame aus Bayern genau das Problem dargelegt, welches die Züchter dazu verleitet, weniger auf Rittigkeit und liebe Charaktereigenschaften zu schauen und stattdessen mehr Mode, mehr Typ, mehr Wums zu liefern. Sicherlich hat Frau Burger Recht damit, wenn sie sagt, dass sich rittig und spektakulär heute nicht mehr ausschließen. Die Frage ist nur, warum dann ein Angebot besteht, welches scheinbar nicht zu dem passt, was sich die Amateure wünschen. Ganz so einfach scheint es also nicht zu sein und ich bin weiterhin  gespannt, wie sich die derzeitige Marktsituation in den kommenden Jahren entwickeln wird.

 

 

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