„Auf dem Papier kann man nicht reiten!“ – Oder vielleicht doch?

„Ich reite auf einem Lebewesen und nicht auf dem Papier. Auf dem Papier allein kann man nicht reiten“. Das ist der heiß begehrte Standardspruch, der mindestens von einem Mitglied der Gesprächsrunde prompt folgt, wenn sich Reiter über die Abstammung ihrer Pferde unterhalten. Die Message dahinter ist eindeutig: Wer die Qualität seines Pferdes an der Abstammung fest macht, hat – so die Meinung vieler – erst einmal verkannt, dass es sich hier um ein liebenswürdiges Lebewesen mit einem ganz individuellen Charakter handle, welches auf keinen Fall auf seine Genetik hin reduziert werden sollte. Zum Zweiten bringe einem ein noch so tolles Papier nichts, wenn das Pferd schlicht und ergreifend nicht die Qualität/ das Vermögen mitbringt, welches rein dem Pedigree nach vorhanden sein müsste. Ist man also Stolz wie Oskar über sein erstes, eigenes Pferd, so sollte man alles anpreisen, aber bitte, bitte nicht die Abstammung, wenn man nicht direkt in der „Ich halte mir ein Sportgerät-Schublade“ landen möchte.

Soll ich ehrlich sein? Bei mir dreht sich alles um Abstammungen. Jede Sekunde, in der ich mit den Pferden arbeite, mit den Fohlen unterwegs bin oder über die Pferdezucht recherchiere, habe ich die Abstammungen der jeweiligen Pferde im Hinterkopf. Ich schaue mir kein Pferd an, ohne dass ich mir gleichzeitig die Abstammung zu Gemüte führe. Ich frage bei jeder x-beliebigen Reitergeschichte nach der Abstammung des Hauptdarstellers, von dem mir berichtet wird. Und auch Turnierprüfungen sind für mich nur halb so spannend, wenn ich die Abstammung der Pferde nicht weiß. Bin ich nun also Jemand, der die Pferde auf ihr Papier reduziert, die inneren Werte verkennt und sich Vierbeiner rein als Sportgerät hält? Sicherlich nicht. Stattdessen werde ich täglich mit den Facetten der Zucht konfrontiert: Der Teil unserer Reiterwelt, ohne den es weder den Turniersport, noch den lieben, rittigen Freizeitpartner geben würde und welcher viel zu oft im pferdigen Alltag in Vergessenheit gerät. Ziel der Züchter ist es, mit Herz & Verstand das „perfekte Pferd“ zu züchten. Was letztlich unter perfekt verstanden wird, ist wiederum Auslegungssache und typabhängig, im Großen und Ganzen wird aber angestrebt ein Pferd zu ziehen, welches es dem Reiter in jeder Hinsicht so angenehm wie möglich macht und für Spaß und Freude sorgt. Eben das, was 90% der Reiter unseres Landes anstreben, wenn sie am Nachmittag, nach ihrem anstrengenden Job ihrem geliebten Hobby nachgehen. Dass ein Pferd dem einen unheimlich gefällt, während es einem anderen gar nicht zusagt, ist denke ich vollkommen normal und den individuellen Vorlieben der Reiter geschuldet. Dennoch gibt es allgemeine Merkmale, die wohl jedem Reiter wichtig sind oder die zumindest nicht als negativ bewertet werden, wenn sie vorhanden sein sollten. So sollte das Pferd so gebaut sein, dass es gesund bleibt, es sollte rittig und vermögend sein, gleichermaßen schadet eine Portion Schick und Edel auch nicht. Die Wunschliste ist lang, viele Möglichkeiten hat ein Züchter aber nicht, auf das Endergebnis einzuwirken. Anders als beim Traumhaus oder beim Traumauto steht einem Züchter keine große Fabrik zur Verfügung, wo er sich beliebig seine Einzelteile zusammenwürfelt und schlussendlich das non-plus-ultra an Pferd herauskommt. Stattdessen hat er im Prinzip genau drei kleine Rädchen, an denen er drehen kann, um an der Umsetzung der Wunschliste mitzuwirken: Die Auswahl der Mutterstute, die dazu passende Auswahl des Hengstes und schlussendlich die Aufzucht und Ausbildung, sobald das Fohlen geboren ist. Worauf ich hinaus möchte: Ein Pferd ist zu einem großen Teil deshalb so, wie es ist, weil durch die gezielte Anpaarung von Mutterstute und Hengst darauf hingewirkt wurde. Sicherlich ist nicht gesagt, dass nachher auch das Fohlen geboren wird, was in dem Kopf des Züchters „geplant“ war. Die Oberhand über die Fortpflanzung hält dann doch immer noch – Gott sei Dank – die liebe Mutter Natur. Dennoch strebt der Züchter natürlich an, im Rahmen seiner Möglichkeiten die besten Voraussetzungen für ein gelungenes Fohlen zu setzen. Und eben diese Möglichkeiten sind arg begrenzt, sodass der Züchter allein durch die gut durchdachte Anpaarung von Mutterstute und Hengst die Chance auf ein gelungenes Fohlen erhöhen kann. Seine Arbeit besteht also weites gehend darin, dass er Hengste und Mutterstuten auf ihre individuellen Stärken und Schwächen hin untersucht, Abstammungen analysiert, um bestimmte Vererbungsmuster zu erkennen und schlussendlich von dem jeweiligen Hengst Nachkommen unter die Lupe nimmt, um zu sehen, wie er sich vererbt. Trifft er nun schlussendlich eine Anpaarung, denkt sich ein Züchter zu 99% eine ganze Menge dabei. Nicht nur im Hinblick auf das Exterieur spielt die Genetik eine Rolle. Man mag es kaum glauben, aber auch der Charakter wird zu einem großen Teil von den Elterntieren vererbt. So wird ein Züchter bestimmte Verhaltensauffälligkeiten von bestimmten Linien bewusst mit einem ausgeglichenen Charakter anpaaren, um die Chance auf ein leicht zu bedienendes, nicht zu spezielles Nachwuchspferd zu erhöhen. Mit der Anpaarung und der daraus resultierenden Abstammung wird also der Grundbaustein für das spätere Fohlen gesetzt und unabhängig davon, was nun letztendlich für ein Fohlen herauskommt und wie es sich im Laufe seines Lebens weiterentwickelt, ist die Abstammung das Grundgerüst, auf dem alles andere aufbaut.

Interessiert man sich also für die Abstammung seines Pferdes, heißt das weder, dass einem das Individuum an sich egal ist, noch, dass man die Qualität seines Pferdes allein anhand der Abstammung bemisst.  Stattdessen ist es einfach nur unheimlich spannend zu hinterfragen, warum das Pferd nun gerade so ist, wie es ist und wie der Züchter durch die gezielte Anpaarung versucht hat, die ein oder andere Eigenart zu fördern oder zu unterbinden. Genau aus dem Grund finde ich Aussagen wie die oben genannte so unpassend. Sie verkennt, dass die Abstammung das Werk des Züchters ist, er sich viele Gedanken gemacht hat, um das Pferd so werden zu lassen, wie es ist. Es ist nicht gesagt, dass das Pferd nachher so wird, wie es die Abstammung vermuten lässt. Das steht außer Frage. Man sollte die Arbeit des Züchters aber nicht abwerten, indem man die Abstammung als etwas Belangloses verpönt. Immerhin ist die Anpaarung und die damit einhergehende Abstammung der Ursprung des jeweiligen Pferdes.

 

 

Ein Kommentar zu „„Auf dem Papier kann man nicht reiten!“ – Oder vielleicht doch?

Gib deinen ab

  1. Jaaa- mir geht es auch so, dass ich auf Turnieren immer versuche, die Abstammungen rauszubekommen. Ich steh ja schon kurz vor einem Anfall, wenn auf einer Zuchtveranstaltung nur der Vater genannt wird- ich brauch noch MV und am liebsten noch MMV dazu. Dann erkennt man ggf wirklich eine Planung in der Zuchtlinie…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: