Embryo-Transfer

Erstmalig kam ich mit dem Thema „Embryo-Transfer“ in Berührung, als ich 2015 beim Verden International auf dem grünen Hügel an der Dressur-Arena saß und fleißig talentierte Jungpferde im Rahmen des Hannoveraner Championats verfolgte. Die gleichaltrigen, ich meine damals dreijährigen Vollschwestern Fiontini  und Fiontina rangen damals um den Sieg, was bei zugegebenermaßen erst für etwas Verwirrung sorgte. Zwillinge? In der Siegerehrung hat es dann auch endlich bei mir „klick“ gemacht. Fiontini und Fiontina wurden mittels Embryo-Transfer erzeugt. Eine Methode, die in Amerika und Australien bereits seit Längerem recht intensiv betrieben wird, in Europa allerdings noch etwas auf Skepsis und Zurückhaltung trifft.

  1. Was bedeutet Embyro-Transfer?
    Bei einem Embryo-Transfer (ET) wird – simpel erklärt – eine Stute von einem Hengst besamt, um anschließend den entstandenen Embryo auszuspülen und in eine andere Trägerstute zum weiteren Austragen einzusetzen.
  2. Wie geht dieser Embryo-Transfer von statten?
    Zunächst wird eine Stute wie üblich von einem ausgewählten Hengst besamt. Nimmt die Spenderstute auf, wird bei ihr am 6-9 Tag eine Gebärmutterspülung durchgeführt, durch welche der Embryo isoliert wird. Dieser wird im Anschluss entweder innerhalb einer Stunde in der Klinik in die Empfängerstute eingepflanzt oder mittels einer speziellen Kühlung zur Empfängerstute gebracht, um ihn dort einzusetzen. Eine weitere Möglichkeit ist es, den Embryo einzufrieren, um ihn gegebenenfalls erst ein Jahr später zu nutzen. Diese Methode führt allerdings derzeit noch zu einer stark geminderten Trächtigkeitsrate, weshalb vorwiegend das direkte Einsetzen gewählt wird. Statt des Ausspülens ist es weiterhin möglich, den Embryo durch einen chirurgischen Eingriff über die Flanke von der Spenderstute zu isolieren, diese Methode ist allerdings nur begrenzt wiederholt anwendbar, um das Gewebe der Haut nicht zu sehr zu strapazieren. Für den Transfer des Embryo von der Spender- zur Empfängerstute ist weiterhin erforderlich, dass sich beide Stuten in dem exakt gleichen Zyklus befinden. Maximal einen Tag dürfen die Zyklen dabei auseinander liegen, je synchroner, desto besser. Um zum Zeitpunkt der Verpflanzung eine solche, im gleichen Zyklus stehende Empfängerstute zur Hand zu haben empfiehlt es sich, mindestens zwei bis drei mögliche Empfängerstuten mit ähnlichem Zyklus bereit zu halten. Mittlerweile gibt es aber auch schon große Stutenhalter – beispielsweise in Belgien -, welche teils 300-500 Stuten als mögliche Empfängerstuten anbieten. Diese können von dem Züchter käuflich, mit Rückkaufsgarantie nach einem Jahr, erworben werden oder für die Zeit der Trächtigkeit mittels Leihvertrag übernommen werden. Falls der Zyklus der Empfängerstute nicht wie geplant synchron ist und keine andere Empfängerstute zur Verfügung steht, kann wiederum auf das Einfrieren des Embryos zurückgegriffen werden. Allerdings ist diese Methode wie oben bereits erwähnt deutlich weniger erfolgsversprechend. Nach der Entnahme des Embryos kann die Spenderstute bereits im nächsten Zyklus erneut besamt werden. Die Empfängerstute wiederum sollte den eingepflanzen Embryo im besten Fall annehmen und die Trächtigkeit weiter fortsetzen.
  3. Warum macht man Embryo-Transfer?
    Embryo-Transfer ist insofern interessant, als das man ein Fohlen aus einer bestimmten Stute ziehen kann, ohne dass die Stute das Fohlen selbst austragen muss. Bei erfolgreichem ET wird also ein Fohlen mit der gewünschten Genetik geboren, ohne die Mutter/Spenderstute mit der Trächtigkeit und der Geburt zu belasten. Dieses Verfahren ist besonders dann von Vorteil, wenn die Stute weiterhin im Sport gehen soll oder aus gesundheitlichen oder Altersgründen nicht mehr in der Lage ist, ein Fohlen auszutragen. Ebenso gibt es durch den ET die Möglichkeit, mehrere Fohlen mit der selben Genetik in einem Jahr zu ziehen oder die mütterliche Genetik im selben Jahr mit verschiedenen Hengsten anzupaaren. Aufgrund der hohen Kosten, die mit einem Transfer verbunden sind, lohnt sich diese Vorgehensweise meiner Meinung nach tatsächlich nur bei hochinteressanten bzw. hocherfolgreichen Mutterstuten, bei denen eine gewisse Garantie besteht, die Fohlen später zu einem guten Preis verkaufen zu können. Allein für den Transfer muss man laut verschiedenen Kliniken 3.000-5.000€ einplanen. Hinzukommen die üblichen Tierarztkosten, Decktaxen und vieles mehr.
  4. Welche Fähigkeiten sollte die Empfängerstute mitbringen?
    Die Empfängerstute sollte überdurchschnittlich gute Muttereigenschaften mitbringen. Dazu zählt eine sehr gute Fruchtbarkeitsrate, dass sie bereits ein oder mehrere Fohlen geboren hat und viel Milch gab. Ebenso sagt man, dass die Stute ungefähr die gleiche Größe haben sollte, wie die Mutterstute. Studien zu folge wurden Fohlen bei kleineren Empfängerstuten kleiner geboren, als Fohlen aus Empfängerstuten, welche eine ähnliche Größe wie die Spenderstuten aufwiesen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Empfängerstute zwar keinen Einfluss auf die Genetik des Fohlens ausübt, stattdessen jedoch einen großen Teil zu der Erziehung des Fohlens beiträgt. Um die Charakter- und Verhaltensbildung des Fohlens nicht zu gefährden sollte deshalb bei der Auswahl der Empfängerstute darauf geachtet werden, dass sie ein vernünftiges Sozialverhalten aufweist und das Fohlen dementsprechend vernünftig prägen kann. Nimmt die Anwendung von ET zu, könnte ich mir auch sehr gut vorstellen, dass bei der Vermarktung neben der Genetik noch eine Art Bewertung der Empfängerstute eingeführt wird, durch welche sich die Käufer zumindest grob ein Eindruck von der Stute verschaffen können, die das besagte Fohlen ausgetragen hat.
  5. Folgen für die Spenderstute?
    Es ist davon auszugehen, dass die Stute nach dem sechsten bis neunten Tag an dem die Spülung stattfindet, noch nicht weiß, dass sie tragend ist. Laut der Tierarztpraxis Jesberg, welche auf Stutengynäkolgie und Reproduktionsmedizin spezialisiert sind, berge die Spülung auch kein Gesundheitsrisiko. Stuten, welche bis zu neunmal pro Saison gespült worden seien, zeigten wohl keinerlei Anzeichen einer Gebärmutterentzündung oder gestörter Fruchtbarkeit auf.
  6. Kritik?
    Schaut man in aktuelle Diskussionsrunden, wird mindestens einmal pro Runde die moralische Verwerflichkeit angesprochen. Der Trächtigkeitsabbruch für die Stute und der damit einhergehende Eingriff in die Natur sei zu groß, als dass man ET moralisch vertreten könnte. Ich finde es ein Stück weit schwierig, die Methode moralisch zu bewerten. Sicherlich ist es nicht im Sinne der Natur, dass eine Stute das Fohlen für eine andere Stute austrägt. Auch schwingt natürlich immer der Gedanke mit, dass die Spenderstute möglicherweise einer psychischen Belastung ausgesetzt wird und die Empfängerstute letztlich nur „Mittel zum Zweck“ sei, um die Spenderstute zu schützen. Eine nicht ganz so schlimme Alternative für den Fall, dass etwas passiert, sozusagen. Ich habe die letzten Tage zwar fleißig recherchiert, zu der moralischen Frage mag ich mir allerdings kein Urteil erlauben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Spenderstute tatsächlich nach der kurzen Zeit von 6 bis 9 Tagen nicht realisiert, dass sie tragend ist, sodass sie keinen psychischen Verlustschmerzen ausgesetzt wird. Andersherum kenne ich mich mit dem Thema zu wenig aus, als dass ich ausschließen möchte, dass nicht eben doch derartige Verlustgefühle bei der Spenderstute anzutreffen sind. Zu dieser Frage habe ich bislang also noch keine Antwort gefunden und ich befürchte, dass ich dieser Thematik auch erstmal weiterhin fragend gegenüberstehen werde. Nicht, weil ich es verwerflich finde, sondern weil ich schlicht und ergreifend zu wenig Ahnung von der Materie habe und ich gerne über die  genauen Folgen von ET Bescheid wüsste, bevor man diese Methode ernsthaft in Erwägung zieht. Vermutlich wird es aber nicht  mehr lange dauern, bis ausgereifte und klärende Studien im Internet zu finden sind. Was mich allerdings tatsächlich etwas nachdenklich macht, sind die Auswirkungen auf die Genetik. Es ist denke ich kein Geheimnis, dass es immer weniger Blutlinien gibt und vieles bereits aus einem „Pott“ stammt. Der Trend zu Modehengsten und die begründete Scheu der Züchter vor dem Einsatz von frischem Vollblut führt dazu, dass die Vielfalt des Blutes zurückgeht. Durch den Embryo-Transfer ist es nun möglich, bewährte mütterliche Blutlinien noch intensiver zu nutzen, als es ursprünglich von der Natur vorgesehen ist, um der Sportpferdezucht und/ oder sich selbst zum Erfolg zu verhelfen. Nun stelle ich mir natürlich die Frage, ob eine solche Massenproduktion – die vielleicht jetzt noch nicht stattfindet, theoretisch aber möglich wäre – wirklich sinnvoll ist. Hat man nun eine erfolgreiche Stute, die sich stark vererbt und hochinteressant für die Zucht ist, so wird die Nachfrage nach Nachkommen dieser Stute zu einer recht hohen Wahrscheinlichkeit hoch sein. Ist die Nachfrage vorhanden, wird es wiederum dem einen oder anderen ziemlich schnell in den Fingern jucken, den Markt zu bedienen, in dem mehrere Embryonen dieser Stute teuer verkauft werden. Auf der einen Seite ist das natürlich irgendwo ein Stück weit sinnvoll: Warum mit „schlechten“, nicht so erfolgsversprechenden Stuten züchten, wenn man doch eben diese eine Granate hat, von der immer top Fohlen geboren werden und die man ja nun mittels ET relativ simpel zu vielen Nachkommen in kurzer Zeit verhelfen kann? Auf der anderen Seite schrillt es überall rote Sirenen in meinem Kopf und ich frage mich, ob wir diese Art von Vermehrung wirklich wollen. Versteht mich nicht falsch: Ich finde, dass ET eine wirklich interessante Technik ist, um die Zucht von erfolgreichen, im Sport stehenden Stuten zu ermöglichen oder eben Stuten zu schonen, die schon älter sind, von denen man unheimlich gerne noch ein Stutfohlen hätte. Wie oben erwähnt bin ich zwar noch nicht so weit, mir darüber eine Meinung zu bilden, interessant ist es aber allemal und es birgt denke ich viele Möglichkeiten, dessen Vorteile man nicht außer Acht lassen sollte. Die Anwendung von ET mit dem Hintergedanken, in kürzerer Zeit eine größere Anzahl von Nachkommen aus einer bestimmten Linie zu bekommen, stößt bei mir aber irgendwie auf Bedenken. Ich spreche gar nicht unbedingt von den Züchtern, die zwei, drei Embryonen gleichzeitig mittels Empfängerstuten austragen lassen. Sondern von dem Markt, der sich anbahnt, wenn eben auf relativ simple Art und Weise wild auf Nachfrage hin produziert werden kann. Ich erzähle euch denke ich nichts Neues, wenn ich euch von Embryonen-Auktionen berichte. Das sind Auktionen, bei denen mit Embryonen – also einem ganz kleinen Fünkchen Hoffnung auf ein lebendes Fohlen – gehandelt wird. Und bekanntlich wird das Angebot gerne angepasst, wenn die Nachfrage besteht. Ich möchte mir einfach nicht vorstellen, dass morgen wild um Embryonen von einer Mutterstute gefeilscht wird, wenn diese mit dem selben Hengst einen Totilas hervorgebracht hat. Ich denke, dass es sich bei dem Embryo-Transfer um eine hochinteressante neue Entwicklung handelt, die mit etwas Präzision und Obacht auf die Mutter Natur sicherlich tolle Vorteile mit sich bringt, gleichermaßen aber auch große Nachteile hervorrufen wird, wenn die Methode zu Wirtschaftszwecken ausgeschlachtet wird. Dann nämlich wird es über kurz oder lang doch etwas öde in unseren Blutlinien. Reicht doch, dass wir uns schon wie die Wilden auf bestimmte Modehengste stürzen. Da muss doch wenigstens auf der mütterlichen Seite die begrenzte Fortpflanzungsmöglichkeit (meint ein Fohlen pro Jahr) ein Stück weit gewahrt bleiben, um eben diese Blutarmut nicht noch weiter voran zu treiben.
S37B3046
Foto: Nadine Priester | NP-Fotografie

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