Das Brandzeichen – Tierquälerei oder sinnvolle Maßnahme?

Wie jedes Jahr wurden wir auch in diesem Jahr wieder von den Abgesandten des Hannoveraner Verbandes besucht, um die Fohlen eintragen zu lassen. Ein Termin, der relativ schnell über die Bühne geht und doch für allerlei hitzige Diskussionen sorgt. Wir lassen unsere Fohlen nämlich nicht nur einen Chip implantieren, so wie es zwecks Identifikation vorgeschrieben ist, sondern nutzen zusätzlich das traditionelle Brennen, um ein weiteres Identifikationsmerkmal zu schaffen. Momentan liegt es noch in der Entscheidung des Züchters, ob er sein Fohlen brennen lassen möchte oder nicht. Es wurden jedoch schon wieder vermehrt Stimmen laut, aus denen hervorgeht, dass ein Verbot aus Gründen des Tierschutzes spätestens im nächsten Jahr folgen würde. Eine Entscheidung, dessen Grundlage ich nur bedingt folgen kann. Aus aktuellem Anlass bietet es sich somit an, das lang umstrittene und nicht unbedingt einfache Thema des Brennens und des Chippens noch einmal aufzugreifen. Auf die Gefahr hin, vielleicht nicht jeder Ansicht gerecht zu werden, möchte ich gerne einmal meine ganz persönlichen Erfahrungen schildern.

Für mich ist der Brenntag immer ein Ereignis, auf das ich mich freue. Warum? Das ist ganz einfach: An dem Termin werden die Fohlen gebrannt, gechippt und ihre Abzeichen und Wirbel werden für ihren zukünftigen Equidenpass aufgenommen. Ein Ereignis, bei dem gut erzogene und zutrauliche Fohlen immer besonders viel Lob einheimsen. Zumindest waren die Abgesandten des Verbandes immer hellauf begeistert, wenn sich alle Fohlen artig am Strick führen ließen und sie anschließend geduldig warteten, bis die Musterung fertig erfolgt ist. Auch dieses Jahr ernteten wir ein großes Staunen, als deutlich wurde, dass tatsächlich alle sieben Zöglinge halfterführig und noch dazu unheimlich menschenbezogen und verschmust sind. Der Brenntag ist für mich also immer eine kleine „Selbstkontrolle“, ob die Fohlen sich schon auf einem angemessenen Erziehungsstand befinden und ich muss zugeben, dass es mich auch ziemlich Stolz macht, wenn sich alle Schützlinge von ihrer besten Seite zeigen. Hinzukommt natürlich, dass man die Brennbeauftragten bereits von diversen Jahreshauptversammlungen, Fohlenschauen und Auswahlterminen kennt, sodass der Brenntermin immer eine ganz nette Gelegenheit bietet, sich über aktuelle Entwicklungen in der Zucht auszutauschen und über diverse Deckhengste zu „fachsimpeln“. Anders als im Familien- und Freundeskreis, bei dem vielleicht nicht bei Jedermann die Zucht im Mittelpunkt steht – mal nebenbei gemerkt auch bei ganz vielen Reiter nicht – und man nach einer viertel Stunde das Interesse seines Gesprächspartners verliert, sind solche Treffen immer eine schöne Gelegenheit, um ausführlich Erfahrungen unter Gleichgesinnte auszutauschen. Zumindest von unserer Seite aus herrscht also immer eine freudige Stimmung, wenn es an die Eintragung der Fohlen geht.

Zugegebenermaßen gehört meine heutige Freude nicht zu den Gefühlen, die ich schon immer mit dem Brennen der Fohlen verband. Stattdessen wurde ich von einem mehr als mulmigen Gefühl heimgesucht, als mir zum ersten Mal angekündigt wurde, dass gleich der „Fohlenbrenner“ kommen würde. Vermutlich bin ich nicht die einzige, die sich ein zitterndes, panisches Fohlen vorgestellt hat, welches von mehreren großen Männern festgehalten werden muss, um das glühend heiße Eisen zu erdulden und anschließend höllische Schmerzen aufgrund der starken Verbrennungen zu erleiden. Durch meine Zugehörigkeit zu der Kategorie Mensch, welche bereits beim Blutabnehmen in den Kurzschlaf fällt, war dieses Ereignis also nicht unbedingt das, was ich mir gerne zumuten wollten. Zu oft hatte man sich schon an einer Kuchenform verbrannt, als das man sich ein derartiges Vorgehen wirklich schön reden konnte. Dennoch entschloss ich mich, dem Brenntermin beizuwohnen und mir eine Grundlage für eine eigene Meinung zu schaffen. Anstatt das Weite zu suchen sah ich also etwas blass um die Nase und nicht ganz so standfest auf den Beinen wie sonst den Brennbeauftragten bei ihrer Arbeit zu und fand ein komplett anderes Szenario vor, als ich es mir ursprünglichen in meinen Gedanken ausgemalt hatte. Heute ist es etwas ganz Selbstverständliches, dass ich dem Brenntermin beiwohne, interessiert den Erfahrungen der Abgesandten lausche und nebenbei die Fohlen kuschele, damit sie artig bis zum Ende der Musterung stehen bleiben. Woher wohl dieser Sinneswandel so urplötzlich gekommen sein mag? Das ist ganz einfach: Ich habe mich dazu durch gerungen, meine – fälschlicherweise als „eigene, fundierte Meinung“ abgespeicherte Ansicht zu hinterfragen und mir mit eigenen Augen anzuschauen, wie viel Panik, Leid und Schmerz bei einem solchen Termin wirklich auftreten. Wieder einmal wurde ich darin bestätigt, dass wirklich nichts – und damit meine ich auch wirklich nichts – als „Meinung“ betitelt werden sollte, wenn man es nicht selbst einmal mit seinen eigenen Sinnesorganen erlebt hat. Klingt doof und doch würde es unser Leben um einiges erleichtern. Man würde sich nämlich viel weniger mit gefährlichem Halbwissen herumschlagen oder Zeit damit vergeuden, dass man irgendwelche gewagten Theorien und Hypothesen aufstellt. Problem erkennen, hingehen, angucken, erleben und dann in Ruhe über die neuen Erlebnisse nachdenken: Eine Vorgehensweise, die viel öfter an den Tag gelegt werden sollte.

Nun aber zurück zum Thema und damit dem Ablauf des Brenntermins: Während der Verbandsbeauftragte die ersten Formalia klärt, die Musterung des Fohlens vornimmt und diesem ein paar Schweifhaare stibitzt, steht das Fohlen neben der Mutterstute auf der Stallgasse und wird ordentlich durchgekrault. Eine Situation, die sie bereits durch das tägliche Wellnessprogramm von Mutterstute und Fohlen und diversen Hufschmiedterminen und Einflechtprozeduren von klein auf kennengelernt haben. Ich musste feststellen: Es gibt keine geblähten Nüstern, kein erschrockenes Zurückweichen und kein panisches Hufescharren. Stattdessen behalten die Zwerge ihre Umgebung zwar neugierig im Blick, genießen ansonsten aber intensiv ihre wohltuende Massage oder gehen in den Tiefen der Jackentaschen des Pflegers auf Erkundungstour. Ist das Eisen heiß, werden die Fohlen noch einmal mit der Stimme beruhigt, letztlich wäre das aber nicht nötig: Ein kurzes Zucken mit dem Hinterbein, ein paar Tritte zur Seite, standen die Fohlen ruhiger, als manch Dreijähriger beim Hufschmiedtermin und holten sich unmittelbar danach – genauso tiefenentspannt wie vorher – ihr Belohnungskuscheln bei mir ab. Während der Brennvorgang also in vielen Reitsportforen bei uns Menschen für langwidrige Diskussionen sorgt, ist es für das Fohlen eher ein Akt von wenigen Sekunden, eingebettet in eine positive Schmuseeinheit. Ehe man sich versieht, ist der entscheidende Moment wieder vorbei und der Beauftragte geht dazu über, sein Eisen abzukühlen und die Maßnahmen für das Chippen vorzubereiten. Anders als erwartet herrschte eine ruhige Atmosphäre mit guten Gesprächen für die Zweibeiner und einer großen Portion Zuneigung für die Kleinen, fernab von Angst, Panik und Gegenwehr: Beim ersten Zuschauen, beim zweiten Zuschauen und bei ausnahmslos allen weiteren Brennterminen der darauffolgenden Jahren.

Keinesfalls möchte ich abstreiten, dass eine derartige Verbrennung mit Schmerzen verbunden ist. Immerhin wird die oberste Hautschicht unwiderruflich verletzt, sodass es auch Jahre später zu keinem Fellwuchs mehr kommt. Vorausgesetzt natürlich, die Temperatur des Eisens ist für ein unwiderrufliches Brandmal „ausreichend“ und der Beauftragte hält es genügend lang an den Schenkel des Fohlens. Was brutal klingt, meint weniger als eine Sekunde Kontakt zwischen der Haut und dem Eisen. Ein gewisser Kontakt muss allerdings stattfinden, damit das Brandzeichen auch Jahre später noch zu erkennen ist und es durch den Heilungsprozess nicht zu schwach wird. Fakt ist also, dass dem Fohlen durch den Brand Schmerzen zugefügt werden, welche es sonst nicht hätte. Man sollte jedoch bei der Abwägung nicht den Fehler begehen, allein auf theoretische Fakten zurückzugreifen und die realen Begebenheiten und Empfindungen auszublenden. Stattdessen ist es unheimlich wichtig, dass man auch die Betroffenen – hier die Fohlen – ein Stück weit „anhört“. Auch wenn sie sich nicht verbal äußern können, besteht doch die Möglichkeit, eine Vermutung hinsichtlich des Befindens des Fohlens ausgehend von seinen Reaktionen zu treffen. Man sollte sich meines Erachtens also davon entfernen, Auseinandersetzungen und Diskussionen rein auf der Basis von Theorie und wissenschaftlich „bewiesenen“ Statistiken zu führen und stattdessen dazu übergehen, intensiver an den umstrittenen Aspekt heranzutreten und in mitzuerleben, um sich anschließend – aufgrund von ganz eigenen Erfahrungen und Empfindungen zum umstrittenen Thema – eine berechtigte Meinung bilden zu können.

Würden Kritiker des Fohlenbrennens an das umstrittene Thema herantreten, wüssten sie, dass beispielsweise das Chippen weitaus schmerzhafter für die Fohlen sein muss, als das Brennen. Zumindest durfte ich ausnahmslos bei jedem Fohlen aus verschiedenen Jahrgängen die Erfahrung machen, dass sie beim Brennen außer einem kurzen Zucken keine Reaktion zeigten, beim Chippen hingegen mit allen Vieren in die Luft sprangen, teils um sich schlugen und im Anschluss zumindest die ersten Minuten den Menschen scheuten. Ohne jegliches tierärztliches Hintergrundwissen schließe ich daraus, dass das Chippen scheinbar unangenehmer sein muss, als das Brennen. Verständlich, wie ich finde. Die Nadel, mit der der Chip implantiert wird ist nämlich ziemlich dick, sehr lang und wird mit einem kräftigen Hieb in den Hals unterhalb des Mähnenkamms „gestoßen“. Versteht mich bitte nicht falsch: Die Bedeutung des Chippens als Identifikationsmittel steht außer Frage und auch bei dieser Methode kann keinesfalls die Rede von einer Notwendigkeit des tierschutzrechtlichen Einschreitens sein: So wie wir Menschen uns auf das Zähneziehen oder die nette Impfung von Frau Doktor freuen, im entscheidenden Moment „kurz die Zähne zusammen beißen“, um danach erleichtert zu sein es überlebt zu haben, so ist es auch für die Fohlen im Moment des Chipeinsetzens schmerzhaft und unangenehm, im Anschluss aber schnell wieder vergessen und unter „erledigt“ abgeharkt. Dieser Vergleich, der mir erst vergangene Woche unmittelbar vor Augen geführt wurde zeigt doch aber, dass eben nicht immer jedes diskussionshaltige Thema rein theoretisch und abstrakt gelöst werden kann. Würde man nämlich den Tierschützern und Theoretikern Glaube schenken, ist das Chippen die tiergerechte, mit weniger Stress und Leid verbundene Alternative zum Brennen, um die Fohlen hinreichend zu identifizieren. Vollkommen absurd, wie ich finde, denn es passt rein gar nicht zu den Jahr für Jahr wiederkehrenden Erfahrungen, die ich machen durfte. Anstatt also fröhlich über ein Verbot hinsichtlich des Brennens zu fachsimpeln sollten die qualifizierten Tierschützer doch mal hinter ihrem Schreibtisch hervorkommen, sich Gummistiefel anziehen und überlegen, wie man das deutlich schmerzhaftere Chippen für die Fohlen angenehmer machen kann. Ihr seht: Mich bringt es geringfügig in Rage, wenn ich derartige Missstände zwischen theoretischen Hypothesen und der Wirklichkeit erkenne. Vermutlich bin ich bzgl. dieser Thematik aber auch einfach vorgeprägt, denn besonders im landwirtschaftlichen Bereich kann man kaum die Zeitung aufschlagen, ohne von irgendwelchen abstrusen Vorurteilen belagert zu werden. So viel dazu.

Diese – zumindest für mich – akzeptablen Schmerzen machen es für mich nicht ganz einfach zu verstehen, wie man hier von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz sprechen kann. Wäre es ein reiner Luxusbrand, der rein aus Tradition oder aufgrund von Vorlieben der Menschen durchgeführt wird, wäre es möglicherweise etwas anderes. Hier dient es aber doch gerade der so wichtigen Identifikation der Pferde und ich erzähle euch hoffentlich nichts Neues, wenn ich zum Ende dieses Beitrages die Schwächen des Chippens betone. Sie können wandern, sich entzünden oder rausgeschnitten werden. Es handelt sich also um ein Idenfitikationsmerkmal, welches mit den richtigen Mittel entfernt oder gefälscht werden kann und noch dazu immer auf die Funktionsfähigkeit der heutigen Technik – genauer der Auslesegeräte und Dateien – angewiesen ist. Der Chip ist gut, in den meisten Fällen hilfreich und sicher, aber eben nicht immer. Ein zusätzlicher Brand ist also nicht vollkommen sinnbefreit. Stattdessen ist es eine gute Möglichkeit, die Lücken zu schließen, welche durch die Nachteile der Chipmethode geschaffen werden.

Ich fasse also nochmal kurz zusammen: Das Brennen hat trotz der neueren Chipmethode immer noch einen kleinen aber feinen Sinn und ist noch dazu sichtbar weniger schmerzhaft, als das Chippen. Deshalb meine Frage zum Abschluss: Wo schauen die patenten Tierschützer denn bitte hin, wenn sie sich ihre Meinungen bilden?? Sicherlich ist das Brennen und das Chippen ein nicht geringer körperlicher Eingriff und es gibt unzählige Für- und Wider. Unabhängig von jeder wissenschaftlichen Statistik möchte ich jedoch allein von meinen eigenen kleinen Erfahrungen ausgehend nochmal betonen, dass die Welt nicht immer nur schwarz/ weiß ist. Letztlich war es für mich genau die richtige Entscheidung, solch ein Ereignis einmal mitzuerleben. Denn egal wie oft man in Reitsportforen liest, wie schlimm oder weniger schlimm das Brandzeichen ist: Nichts kann jemanden so von der Richtigkeit oder Falschheit einer Vorgehensweise überzeugen, als wenn man es einmal selbst in eigener Person miterlebt hat. Also mein kleiner Appell an alle, die bis hierhin durchgehalten habt: Macht euch die Mühe und hinterfragt in regelmäßigen Abständen eure Meinung. Das Brennen ist eine Thematik, bei dem ich völlig falsch lag und meine Ansicht um 180 Grad gedreht habe. Ich bin mir sicher, dass es einem bei vielen weiteren Themen so gehen würde, wenn man sich einmal wirklich mit ihnen befasst.

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