Entscheidungen| Wie soll die Zukunft der Fohlen aussehen?

Momentan stehen die Züchter wieder vor der sehr schwierigen und bedeutenden Entscheidung, wie die Zukunft der diesjährigen Fohlen aussehen soll. Alle Fohlen behalten, ist sowohl aus zeitlicher als auch finanzieller Sicht kaum einer privaten Züchterfamilie möglich. Aber welchen Weg der Vermarktung soll man gehen? Welche Fohlen behalten, welche verkaufen? Und vor allem wann?

Der momentane Kauftrend von „Endverbrauchern“ – egal ob turnierambitioniert oder im Freizeitbereich tätig – geht hin zu jungen, aber bereits ausgebildeten Pferden. So groß die Freude über das erste eigene Pferd auch ist, so selten wird die Dimension erfasst wie viel Zeit, Emotionen und Gedanken bereits in dieses Pferd gesteckt wurden. Wir sind momentan an einem Punkt angekommen, an dem schon viele Entscheidungen getroffen werden mussten. Die jetzt anstehende Weggabelung, wie die Zukunft jedes einzelnen Fohlens aussehen soll, möchte ich euch erläutern. Erst einmal steht fest, dass man nicht  alle Fohlen behalten und aufziehen kann. Jede Generation bestehend aus bis zu sechs Fohlen würde sich doch in einem relativ überschaubaren Zeitraum zu einer Masse an Pferden entwickeln. Darüber hinaus ist die Leidenschaft zur Zucht sicherlich unsere erste und vor allem größte Motivation. Dennoch darf das Hobby nicht zu einer wuchernden finanziellen Belastung werden – ein Verkauf ist also notwendig, um die Zucht weiterhin ermöglichen zu können. Doch welches Fohlen soll nun verkauft, welches als zukünftige Zuchtstute behalten und welches für eine spätere Vermarktung aufgezogen und ausgebildet werden? Fakt ist, dass jedes Fohlen individuell ist und sich unterschiedlich schnell entwickelt. Fakt ist auch, dass die Vermarktung der Fohlen von genau dieser Entwicklung abhängt. Fohlen, welche kurz nach der Geburt schon wie ein kleiner Meister Propper vor einem stehen und Fohlen, welche die ersten Tage und Wochen noch so zierlich und wackelig auf den Beinen sind, dass sofort der Beschützerinstinkt geweckt wird. Es steht und fällt also nicht alles mit dem Wunsch des Züchters, welches Fohlen er selbst aufziehen möchte. Stattdessen muss in erster Linie darauf geschaut werden, welches Fohlen sich schon derart gut präsentiert, dass es sich überhaupt vermarkten lässt. Hinzukommt, dass die Auktionen begehrt sind. Es ist also lange nicht gesagt, dass man auch für jedes der Fohlen eine Zulassung zur Auktion ergattert. Ist man aus finanzieller Sicht also darauf angewiesen, zumindest einen Teil der Fohlen als Absetzer zu verkaufen, so würde ich behaupten, dass in den meisten Züchterfamilien nicht das eigene Gefallen darüber entscheidet, welches Fohlen aufgezogen und welches verkauft wird. Stattdessen wird – so salopp es auch klingen mag – zur Sicherung der Familienkasse für alle Fohlen versucht, einen Auktionsplatz zu ergattern und diejenigen, welche aus welchen Gründen auch immer keine Zulassung bekommen haben, bis zum ausgebildetem Reitpferd bei einem bleiben.

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Foto: Laura Herale | LovelyMoments-Tierfotografie

Diese Strategie, dass man erst einmal alles zum Verkauf anbietet und letztlich die Auswahlkommissionen bzw. die Käuferschaft darüber entscheiden lässt, welches Nachwuchstalent beim Züchter bleibt und welches woanders seine Teenagerzeit antreten wird, ist nicht immer so einfach, wie sie aussieht. Wäre es von Beginn an „klar wie Kloßbrühe“, dass man einfach alles anbietet und schaut, was passiert, hätte so manch ein Züchter vermutlich fünf graue Haare weniger. Denn auch wenn es mit Blick auf die private Familienkasse, aus welcher das „kleine Hobby“ finanziert wird, in den meisten Fällen so kommt, wie ich es eben beschrieben habe, ist dieser Weg keinesfalls von vornherein entschieden. Stattdessen würde wohl der Großteil der Züchter seine Fohlenkinder am Liebsten so lange wie möglich bei sich behalten, mit dem Gedanken, noch einige Zeit länger über das Wohl des Schützlings entscheiden zu können. In einem meiner Beiträge auf Harriets Blog habe ich einmal ausführlich darüber geschrieben, wie sehr ein Fohlen einem doch ans Herz wächst und wie schwierig es ist, das Fohlen zu verkaufen, in dem sicheren Wissen, dass man nun keine Handhabe mehr hat, auf die Zukunft des Youngsters einzuwirken, um mittels gut durchdachter Entscheidungen für das größtmögliche Wohl zu sorgen. Aus diesem Grund grübeln Züchter nicht selten stundenlang, ob es nun wirklich das richtige ist, Fohlen X oder Y zu verkaufen oder ob man nicht doch einfach noch einen zusätzlichen Stall bauen sollte, um alle Fohlenkinder auf Kosten der Familienkasse zu behalten. Der finanzielle Aspekt auf der einen Seite,  wunderbare und einzigartige Fohlen auf der anderen Seite. Ich kann euch versprechen, dass man bei jedem einzelnen Fohlen erneut vor diesem riesigen Dilemma steht. Und wisst ihr was das Schlimme ist? Man stellt sich die Frage nicht nur einmal. Angefangen mit der Entscheidung, ob man nun überhaupt mit dem jeweiligen Fohlen zum Auswahltermin fährt oder nicht, fragt man sich auf der Rückfahrt – mit der Zulassung im Gepäck -, ob man nicht schnell nochmal anrufen sollte, um den gerade ergatterten Auktionsplatz wieder zu „stornieren“. Von den Wochen bis zur Auktion ganz zu schweigen wird das Gedankenkarussell kurz vor der Fahrt zur Auktion nochmal besonders schlimm. „Machen wir hier wirklich das richtige, hätte man das Fohlen bloß nicht angeboten, wären wir mal nicht zum Auswahltermin gefahren, hätten wir es mal behalten…“. Ihr seht: Auch wenn man sich aufgrund finanzieller Aspekte dazu entscheidet, sich von einem Fohlen im Absetzeralter zu trennen, so fällt einem Züchter diese Entscheidung bei weitem nicht leicht.

Neben dem finanziellen Aspekt, dem eigenen Gefallen und den Interessen der Auswahlkommissionen und der Käuferschaft gibt es noch einen weiteren, unheimlich wichtigen Aspekt, welcher mit über die Zukunft der Fohlen entscheidet: Die Sicherung der Nachzucht. Startet ein Züchter ein Zuchtprojekt, so tut er dies in den meisten Fällen mit dem Ziel, ein erfolgreiches Sportpferd zu züchten. In Anbetracht des „frühen“ Verkaufs der Pferde im Fohlenalter und den häufig rar  gesäten Möglichkeiten, die eigenen Talente als Züchter bis in den hohen Sport hinein auszubilden, wird einem der spätere Erfolg natürlich nur mäßig zuteil. Es gibt allerdings ein Weg, auf dem man auch als Züchter gewissermaßen von der eigenen, gelungenen Anpaarung profitieren kann und das ist nichts Geringeres, als die Aufwertung des Stutenstammes, welche von erfolgreichem Nachkommen zum Nächsten stetig ansteigt. Züchtet man möglicherweise schon seit Generationen mit einer Mutterlinie und sind aus dieser Linie durch die eigene Zucht schon international erfolgreiche Pferde hervorgegangen, so wertet dies den Stamm auf und führt gleichermaßen zu einer höheren Verkaufschance. Umso ärgerlicher ist es also, wenn man sich über Generationen hinweg einen kleinen, aber erfolgreichen Vorfahrenszweig aufgebaut hat und man schlussendlich keine Nachwuchsstute mehr aus dieser Linie hat, mit der man weiterzüchten könnte. Was nützt einem der Verkauf eines Stutfohlens, bei dem vielleicht ein netter kleiner Gewinn herauskam, wenn die Mutterstute im darauffolgenden Jahr nicht mehr fähig ist, aufzunehmen und für weitere Nachzucht zu sorgen? Jahrzehntelange Arbeit wäre mit der Unfruchtbarkeit der letzten Stammesstute „hinüber“ und ich kann euch versprechen, dass viele Züchter im Anschluss einer solchen Situation alles dafür tun würden, wenn sie den Verkauf des letzten Stutfohlens wieder rückgängig machen könnten. Steht man also vor der wichtigen Entscheidung, mit der über die Zukunft der Fohlen entschieden werden soll, muss man als Züchter die Nachzucht immer im Blick behalten. Das bedeutet auch, dass man möglicherweise interessierte Käufer eine Absage erteilt, in dem Wissen, dass man die eigene Familienkasse damit weiter belastet, obwohl man die Chance gehabt hätte, das Fohlen gewinnbringend zu verkaufen. Ihr seht: Ein Züchter hat unheimlich viele Entscheidungen zu treffen. Angefangen mit der Wahl des Hengstes, gibt es nur relativ selten ein wirkliches Ende. Dieser Beitrag erfasst nur einen ganz kleinen Abschnitt des „Entscheidungsbaums“, welcher ein Züchter für jedes Fohlen individuell hochklettert. Vollkommen unberücksichtigt, aber nicht weniger „graue-Haare-fördernd“, blieben die Entscheidungen über die Vermarktungsform, der Vermarktungsort, der richtige Vermarkungszeitpunkt, die Ausbildung und und und.

Solche Gedanken und noch viele mehr beschäftigen Züchter tagtäglich. Sie züchten aus Leidenschaft und die Liebe zu ihren Pferden. Sie setzen sich zusammen, grübeln was wohl das Beste sein wird und versuchen für jedes Neugeborene innerhalb ihrer Möglichkeiten den bestmöglichen Weg zu wählen. Vielleicht denkt ihr daran, wenn ihr das nächste Mal zu eurem Pferd in den Stall fahrt. Das es dort eine Familie oder einen leidenschaftlichen Züchter gab, welcher durch mehrfache und lang durchdachte Entscheidungen den Weg eures Reitpferdes für einen kleinen Teil mitbestimmt hat.

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Foto: Laura Herale | LovelyMoments-Tierfotografie

 

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