Die Hürden der Zucht| Von der Besamung bis zur Geburt

In fast jedem Beitrag – sei es auf Instagram oder im Rahmen meiner Blogbeiträge auf http://www.harriet-jensen.de – versuche ich so oft es geht zu betonen, welch großes Risiko die Pferdezucht mit sich bringt. Damit meine ich weniger die Risiken, welche sich für den jeweiligen Züchter in finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht ergeben, sondern vielmehr die Probleme, Rückschläge, Krankheiten und Co., welche das Programm Zucht für uns alljährlich bereithalten. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich gefragt, was für brenzlige Situationen ich in den letzten Jahren in Bezug auf die Zucht miterleben durfte. Tatsächlich habe ich etwas intensiver über diese Frage nachgedacht und musste feststellen, dass wir schon unheimlich viele unschöne Erlebnisse, Stunden voller Grübeleien und Sorgen miterleben mussten, welche im Nachhinein vollkommen in Vergessenheit geraten sind. Nicht, dass wir uns nicht mehr an sie erinnern könnten. Wird man allerdings täglich mit neuen Facetten der Zucht konfrontiert, lässt man Hürden vielleicht einmal schneller hinter sich, um sich auf die kommenden Herausforderungen konzentrieren zu können. Denn eines ist gewiss: Ausbleiben tun sie nie, diese kleinen Kniffe des Lebens, welche uns immer wieder vor Augen führen, wie schnell uns doch das Glück verlassen kann.

Längere Zeit musste ich also über diese Frage nachdenken und ich gebe zu, dass mir erst dadurch nochmal so richtig bewusst wurde, wie sehr man doch jeden einzelnen Tag, an dem alles gut verläuft, schätzen sollte. Eine recht lange Liste an kleinen, aber teils auch schwerwiegenderen Verletzungen und Situationen hat sich nun in meinem Kopf angesammelt, welche ich euch in diesem Beitrag einmal aufschreiben möchte. Vielleicht veranschaulicht das, welche Herausforderungen doch tagtäglich auf den Züchter warten und was für ein großes Glück es ist, wenn man tatsächlich ein gesundes, munteres vierjähriges Pferd erfolgreich aufgezogen hat. Da meine Beiträge bekannterweise immer etwas ausarten geht es heute allein um die Phase von der ersten Besamung an bis zur Geburt des Fohlens. Ungefähr elf Monate, in denen der positive Verlauf der Trächtigkeit an keinem einzigen Tag selbstverständlich ist.

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Angefangen mit dem Abstrich an der Gebärmutter der Stute bis hin zur Besamung kann es zu ersten Komplikationen kommen, welche eine erfolgreiche Trächtigkeit verhindern. Zum einen kann die Gebärmutter mit Keimen und Bakterien belastet sein, zum anderen können sich Zysten oder andere Veränderungen an der Gebärmutter bilden. Teils medizinisch behandelbar, teils nicht, ist eine funktionstüchtige Gebärmutter der Mutterstute schon mal die erste Voraussetzung, welche keinesfalls selbstverständlich ist. Hinzukommt die relativ hohe Wahrscheinlichkeit einer Nichtaufnahme oder einer Resorption. Auch nach dem achtzehnten Tag, wenn man die Trächtigkeit das erste Mal über das Ultraschallgerät feststellt, kann die Stute jederzeit resorbieren. Die ersten dreißig Tage sind dabei besonders kritisch zu betrachten, theoretisch kann es aber auch im Anschluss noch jederzeit zu einer Fehlgeburt kommen. Ebenso sollte man mögliche Infektionen im Blick behalten und die Mutterstute in Anbetracht ihres geschwächten Immunsystems vor jeglichen neuen Keimen und starken Witterungsbedingungen schützen. Eine Infektion gefährdet nicht nur den Zustand der Trächtigkeit, sondern auch die Entwicklung des Fohlens. Im schlimmsten Fall kann es auch in einer solchen Situation wieder zur Fehlgeburt kommen.

Nähern wir uns dem Ende der Trächtigkeit kommt es leider immer wieder vor, dass ein Fohlen zu früh geboren wird. Mit „zu früh“ meine ich, dass es nicht überlebensfähig oder auf sofortige medizinische Unterstützung angewiesen ist. Während man als Faustformel für die Errechnung des Geburtstermines ungefähr 320 bis 360 Tage ansetzt, ist ein Fohlen bis zum 290 bis 300sten Tag nicht lebensfähig. Zwischen dem 300 und 320sten Tag ist zwar eine Lebenschance vorhanden, welche ohne medizinische Intensivbehandlung allerdings nahezu bei 0 liegt. Erst vor zwei Wochen durfte ich mich mit einer sehr erfahrenen Züchterin unterhalten, dessen Stute ein normalerweise nicht lebensfähiges Fohlen zur Welt gebracht hat. Derzeit befindet sich das Fohlen noch in der Vollzeitbetreuung ihres Mannes, welcher glücklicherweise ein ebenso erfahrener Tierarzt ist. Leider ist das Fohlen bislang noch nicht über den Berg, sodass sie jeden gedrückten Daumen gebrauchen können.

Die Geburt hält von meinem Gefühl her wohl mit die größten Hürden bereit. Zum einen kann das Fohlen vollständig falsch liegen, zum anderen kann es aufgrund eines zu kleinen Geburtskanals dazu kommen, dass sich das Fohlen mit einem seiner Gelenke verharkt, sodass die Wehen ins Leere laufen. Liegt das Fohlen nicht optimal, können sowohl die Gelenke Schaden nehmen als auch die Mutterstute, dessen inneren Organe und insbesondere die Gebärmutter bei einem falschen Tritt des Fohlens verletzt werden können. Ebenso kann eine geschwächte Mutterstute, ein zu großes Fohlen, ein kleiner Geburtskanal oder auch eine falsche Lage dazu  führen, dass die Mutter nicht die nötige Kraft aufbringen kann, um das Fohlen zu gebären. Hat das Fohlen das Licht der Welt erblickt, müssen die Nüstern des Fohlens zügig von der Fruchtblase befreit werden, damit es nicht erstickt. Auch eine solche Situation gab es leider bei uns schon, bei der trotz einer 24h Rundum-Überwachung jegliche menschliche Hilfe zu spät kam.

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Nun, wie geht es weiter? Sicherlich lässt sich dieser Beitrag nicht so schön lesen, wie die aktuellen Berichte von unserem glücklichen und gesunden Fohlenkindergarten. Wenn wir ehrlich sind lesen wir uns wohl auch nicht jedes Mal die Packungsbeilagen eines Medikaments durch oder spielen eine geplante Autofahrt durch, um auch wirklich jedes Risiko im Blick behalten zu können. Und doch gehört auch diese Seite zur Zucht dazu, tatsächlich macht sie den Statistiken zu Folge sogar einen sehr, sehr beachtlichen Teil der Pferdezucht aus. Zudem bin ich mir sicher, dass man nicht immer in der Lage ist, jede Gefahrenlage zu erkennen oder gar rechtzeitig zu handeln. Aus diesem Grund hilft vielleicht auch schon diese lose Aneinanderreihung von mir bekannten Situationen, um den Blick dafür bei dem einen oder anderen zu schärfen. Nun aber zurück zum Thema: Ist das Fohlen vollständig geboren wurden kann es sein, dass das Fohlen äußere Verletzungen aufweist oder der Nabelabriss zu Blutungen führt. Auch Fehlstellungen in Form von schiefen Hüften, weichen Fesseln, einer Vorderbeugigkeit und vieles mehr können einem nach der Geburt erwarten. Das sind alles Aspekte, bei denen es Wege und Mittel gibt, um dem Fohlen zu helfen. Und dennoch müssen auch diese Herausforderungen im Blick behalten werden, wenn man sich voller Vorfreude zu dem neugeborenen Fohlen begibt.

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Im nächsten Schritt muss das Fohlen aufstehen und die so wichtige Fohlenmilch zu sich nehmen. Leider ist auch dieser Vorgang keine Selbstverständlichkeit, sodass das Fohlen häufig vom Menschen beim Stehen unterstützt und beim Trinken „angeleitet“ werden muss, um die erste Milchaufnahme zu ermöglichen. Kommt es zu der Situation, dass das Fohlen sich trotz mehrfachem Zeigen weigert, die Milch zu trinken hilft im Notfall eine Flasche, um zumindest die erste Versorgung herzustellen. An dieser Stelle sollte man allerdings vorab Ruhe bewahren und nicht zu eilig zur Flasche greifen. Zu schnell geht es, dass das Fohlen den Menschen als seine Nahrungsquelle ansieht und kein Verlangen mehr danach hat, bei der Mutterstute auf Nahrungssuche zu gehen. Im Notfall ist eine Flasche allerdings unheimlich hilfreich, um schnell reagieren zu können. Trinkt das Fohlen bei der Mutterstute, muss sehr genau im Blick behalten werden, ob und wieviel Milch es tatsächlich aufnimmt. Erst dieses Jahr mussten wir die Erfahrung machen, dass ein Fohlen – obwohl es von außen betrachtet fleißig am Trinken war – zu wenig Flüssigkeit aufnahm und bereits am nächsten Morgen so erschöpft war, dass es auf eine Infusion vom Arzt angewiesen war. Gleiches gilt für die erste Kotabgabe: Man sollte lieber einmal mehr kontrollieren, ob das Fohlen geäppelt hat. Teils müssen sie sich so sehr quälen, um den ersten Darmpech abzugeben, dass sie verkrampfen oder erschöpfen. In diesem Fall kann man dem Fohlen mit einem Einlauf vom Tierarzt Schmerzen und Leid ersparen und Schlimmeres verhindern.

Das sind alles Erfahrungen, welche mir von der lieben Züchterfamilie mitgeteilt wurden, von denen ich anderweitig hörte und welche ich zum Teil selbst miterleben durfte/musste. Auf keinen Fall ist dieser Artikel vollständig und ich bin mir sicher, dass erfahrene Tierärzte und Züchter uns noch zahlreiche solcher Geschichten und Erlebnisse erzählen könnten. Ich muss allerdings gestehen, dass ich fast ein bisschen froh bin, nicht jedes Risiko bis ins letzte Detail zu kennen und vielleicht helfen bereits die aufgeführten Situationen, um den Blick für die ein oder andere Gefahrenquelle zu schärfen. Ich kann nur immer wieder betonen, wie unendlich froh man über jedes einzelne Fohlen sein kann, welches gesund zur Welt gekommen ist. Viel zu schnell kann einen das Unglück einholen und man sollte sich immer wieder vor Augen führen, welch Wunder man doch mit der Geburt eines rundum gesunden Fohlens erleben darf.

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